„Religion und Sexualität“, von Demosthenes Savramis. Daß Freude am Geschlechtstrieb und sexuelle Befriedigung wichtige Voraussetzungen seien für die Harmonie der Gesellschaft; daß Sexualität und Religion keineswegs natürliche Widersacher seien, wie eine vermeintlich christliche Moral uns lehrt: das sind die beiden Grundthesen des Autors. Sie sind weder neu, noch erfahren sie hier eine besonders stringente Begründung. Profunderes liest man über die erste bei Reich oder Plack, über die zweite etwa bei Walter Schubart. Entschiedenheit der Haltung zeichnet diese Schrift eines streitbaren Religionssoziologen stärker aus als Originalität und Tiefe des Denkens. Trotzdem ist das Buch wichtig, weil es bewußt die innerchristliche Diskussion um ein nach wie vor tabubeladenes und konfliktträchtiges Thema anheizen will und einer allem oberflächlichen Anschein zum Trotz noch ungeheuer wirkmächtigen sexualfeindlichen Ideologie mit Nachdruck das Recht bestreitet, sich „Christliche Moral“ zu nennen. Der Ursprung dieser Ideologie bleibt im Halbdunkel (Savramis zieht eine magische Urangst des Mannes vor dem menstruierenden und gebärenden Weib heran, aus der Männergesellschaften mit strengen sexuellen Tabus, Verachtung und Versklavung der Frau und latenter oder offener Homosexualität hervorgehen); ihr Widerspruch zur Lehre Christi ergibt sich für den Autor daraus, daß die Frohbotschaft den Menschen mit Gott und der Natur versöhnen, nicht aber mit sich selbst entzweien wollte. Nur eine Ethik, die den Menschen als psychosomatisches Wesen heilt und frei macht, dürfe sich christlich nennen. Auch auf dem Gebiet der Sexualität gilt für den Christen nicht starres Gesetz, sondern das Gebot der Liebe. Wichtig ist die (freilich wenig gründliche) Abgrenzung echter sexueller Freiheit gegen die kommerzialisierte Sexwelle einerseits und jene theologische Scheinliberalität andererseits, die die Lust zu bejahen bereit ist, solange es zu keinerlei Konflikten mit der Eheordnung kommt; wichtig die Betonung der Herrschaftsfunktion der Sexualmoral und der sexuellen Gleichberechtigung der Frau. Über die sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen der sexuellen Befreiung und die mit ihr notwendig verbundenen irrationalen Ängste verliert der Autor in seinem idealistischen Optimismus kaum ein Wort. (Paul List Verlag, München, 250 S., 14,80 DM) Hans Krieger

Günter Grass – Dokumente zur politischen Wirkung“, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold und Franz Josef Görtz. „Ohne Macht mit Guitarre – so beschreibt Grass den zeitgenössischen Dichter, dem er Zorn, Ärger, Wut nicht zugestehen will, solange sich „draußen“ gelassen die Macht auswirkt. Er will gegen die Entpolitisierung des Bürgers streiten und versteht das (im Zusammenhang mit dem Regierungswechsel) als Versuch, „daß sich endlich einmal verspätet Aufklärung auch hier in Deutschland auswirken kann“. So widersprüchlich wie diese Berufung auf eine liberale Aufklärung, zu deren Bedingungen die Entpolitisierung letztlich gehörte, lesen sich denn auch die Reaktionen auf Grass’ politische Versuche.Wenn ausgerechnet Frank Thiess den Dichter auf „die Konstruktion von Worthomunculi“ verweist und sein Politisieren „kindisch“ findet; wenn Rudolf Krämer-Badoni Regierungsangelegenheiten (wirtschaftliche und politische Sicherheit) säuberlich von Geist, Kunst, Moral, Religion, Anstand trennen will; wenn Heinrich Lummer (CDU) bedauert, daß die Dichter „Unabhängigkeit und den kritischen Blick nach allen Seiten“ verlieren, indem sie sich parteiisch engagieren – so zeigt sich, wie berechtigt der Versuch von Grass ist, jene moderne bürgerliche Zwei-Reiche-Lehre zu bekämpfen. Doch zeigen die Zeugnisse auch deutlich die Grenzen der politischen Person Grass. Daß er die SPD in den Wahlreden personifizierte, war nicht eine beliebige Technik. Sein Engagement galt wesentlich Brandt und ist wesentlich moralisch getönt. Grass’ Hiebe gegen Große Koalition und Apo zugleich trugen ihm entsprechende Gegenhiebe ein. Die Kritiken deckten die Widersprüchlichkeit seiner politischen Position auf, deren Vernunftpathos streckenweise reichlich abstrakt bleiben mußte. Doch ebenso kann man lesen, wie frühzeitig Grass für die DDR-Anerkennung und den deutschen Verzicht auf die Ostgebiete focht und welchen Widerständen er dabei begegnete. Die Herausgeber haben die Zeugnisse einleuchtend gegliedert und dazu fünf wichtige Anhänge zusammengestellt, die Grass in herbem Gegeneinander erläutern. Das beginnt beim Streit um die „Blechtrommel“ und endet beim Streit um Kipphardt. Das den ZEIT-Lesern bekannte Plädoyer von Adolf Muschg wägt ab, wiegt aus und würdigt Grass als Schriftsteller, der einen spürbaren Unkostenbeitrag zu der Geschichte seines Landes leistet. (Edition Text +Kritik; Richard Boorberg Verlag, Stuttgart; 227 S., 17,50 DM)

Alexander von Bormann