Immer häufiger trifft man auf Menschen, die, kaum haben sie sich begrüßt, einander ein fröhliches „Wir müssen mal essen gehen“ entgegenschleudern. Diesen Aufruf zur gemeinsamen Mahlzeit kann man auf Partys hören, am Telephon, auf dem Flughafen, im Theaterfoyer, kurz, überall dort, wo Menschen zwangsläufig miteinander sprechen, die gar nicht miteinander sprechen wollen. In einem solchen Moment hilft dann dieses „Lassen Sie uns mal essen gehen“ weiter. Die Formel hat so etwas schön Verbindlich-Unverbindliches; man braucht sich nicht länger über Löwenthal auszulassen, da man dies ja bei dem geplanten Essen tun kann. Man stimmt freudig zu, um so mehr, da man – und das ist die Voraussetzung – mit aller Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, daß die Mahlzeit nie zustande kommt – eben wegen eines ausgebuchten Kalenders und der in ihm verzeichneten potentiellen Mahlzeiten. Aber man hat das wohlige Gefühl, sich gesellschaftlich korrekt verhalten zu haben, wenn man diesem Essensappell wenigstens verbal folgt, beziehungsweise es einem als erstem gelingt, diese Offerte an den Mann zu bringen.

Diese in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommene Essensbereitschaft birgt natürlich auch ihre Gefahren. Jetzt, wo jeder x-mal das Essen versprochen hat, hat sich der Essensaufruf naturgemäß abgenutzt. Mit anderen Worten, es werden zwangsläufig neue Formeln gefunden werden müssen, die die alte Essensformel übertreffen, dabei aber genauso unverbindlich bleiben müssen. Gleichzeitig müssen diese neuen Formeln dem Gegenüber aber das Gefühl geben, er sei einer Aufmerksamkeit wert, die weit über ein gemeinsames Essen hinausgeht.

An jüngsten Formeln, die in Hamburg auf diesem Gebiet gehandelt werden, sei folgende vermerkt. Sie wurde sich von zwei, wohlgemerkt, völlig normalen Männern zugeworfen: „Wir müssen mal verreisen.“ G. R.