Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juli

Über die dritte Galerie des Vatikanpalastes gelangt man zum päpstlichen Staatssekretariat, dem wichtigsten Lenkungszentrum der katholischen Kirche. Der Weg führt an uralten, riesigen Landkarten vorbei, an denen sich der Wandel der Welt ablesen läßt, und an buntgefiederten Schweizer Gardisten, die wie Denkmale des Beharrens wirken.

„Niemand soll glauben, daß wir uns diese Entscheidung leichtgemacht haben“, sagte mir Erzbischof Caseroli, der „Außenminister“ des Vatikans, drei Tage nachdem in den früheren deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße sechs polnische Residenzialbischöfe ernannt und deren Diözesen – darunter zwei neue in Pommern – gebildet oder bestätigt worden waren. „Schon die Potsdamer Erklärung von 1945 hat jene Gebiete nur noch als ‚ehemals deutsche‘ bezeichnet. Dennoch hat der Heilige Stuhl 27 Jahre gewartet und das Risiko auf sich genommen, von den polnischen Katholiken mißverstanden zu werden. Und nun haben wir mit gleichem Mut eine Entscheidung getroffen, die viele Deutsche schmerzen muß, die aber im Interesse der Seelsorge nicht mehr verzögert werden durfte. Nicht nur juristische, vor allem moralische Gesichtspunkte sind stets und auch jetzt maßgebend gewesen.“

Caseroli wie auch seinem Osteuropa-Referenten Montalvo ist die Besorgnis anzumerken, von der eine übernationale Kirche wie die katholische niemals loskommen kann: es allen ihren Gläubigen aller Nationen recht zu machen und doch die Prinzipien nicht dem unvermeidlichen politischen Kalkül zu opfern. Warum aber ist die kirchliche Neuregelung in den polnisch verwalteten Reichsgebieten nicht Schritt für Schritt, sondern scheinbar plötzlich und gleich vollständig vollzogen worden?

Eine alterfahrene Diplomatie wie die vatikanische schmiedet das Eisen, solange es heiß ist. Je größer der zeitliche Abstand zur Ratifizierung des Warschauer Vertrages geworden wäre, desto schwächer auch das Bewußtsein des sachlichen Zusammenhangs, desto wahrscheinlicher aber auch die Möglichkeit, daß der Entschluß des Vatikans in die Niederungen des deutschen Wahlkampfe geraten wäre. Taktisch-politisch wäre es vielleicht ratsam gewesen, die Regelung in die laufenden polnisch-vatikanischen Verhandlungen einzubringen, doch eben der moralische und pastorale Rang der Sache bewog die päpstliche Kurie, auch den bloßen Anschein eines „Handels“ zu vermeiden.

Indem sie so eine „Vorleistung“ gegenüber Warschau erbrachte, hat sie aber nicht etwa Polens Kirche geschwächt, wie deutsche Kritiker bar jeder Logik behaupten. Vielmehr hat sie es dem Kardinalprimas Wyszynski ermöglicht, sich in einem stolzen Vollzugstelegramm an den polnischen Ministerpräsidenten als Vorkämpfer der Staatsräson zu empfehlen. Wenn dennoch nicht alles so glatt über die Bühne ging, wie es scheint, so hängt das mit den diplomatischen Hintergründen einer Prozedur zusammen, die keineswegs „überstürzt“ war, sondern lange vorbereitet und fast zu ausgeklügelt, um ihr Ziel ganz zu erreichen: keinem der Beteiligten oder Betroffenen unnötig weh zu tun.