Von Wolf Donner

Manche waren offensichtlich nur seinetwegen in Berlin. Seine Filme sind von einer Perfektion, Romantik, Dynamik und Heiterkeit, die jeden mitreißt. Er ist keine. Schönheit; die untere Gesichtshälfte ist. zu weit vorgeschoben, er ist untersetzt, wenn auch athletisch gebaut. Aber wenn er den Kopf zurückwirft und sein berühmtes Lachen aufsetzt: „Hoppla, hier bin ich!“ oder „Na, wie habe ich das wieder gemacht!“, dann hat er auf der Leinwand und im Saal alle besiegt: Douglas Fairbanks.

So stand er wie ein unangefochtenes Monument des absoluten Traum- und Illusionkinos zwischen den Fronten des Festivals, oder sagen wir zwischen den beiden Festivals. Denn die Zweiteilung der Berlinale, vor einem Jahr von der Öffentlichkeit dem etablierten Leerlauf abgetrotzt, hat sich konsolidiert: Hie der traditionelle internationale Wettbewerb mit Ur- und Erstaufführungen – hie „Forum des jungen Films“; hie nagelneue, „publikumsrelevante“, zeitbezogene „gute Unterhaltungsfilme“ mit bedeutsamen „künstlerischen Einzelleistungen“ – hie „Filme über soziale und politische Konfliktfälle in der kapitalistischen Gesellschaft“ oder „Filme, die mit den Möglichkeiten des Mediums experimentieren“.

Politische und Publikumsrelevanz, das konnte man schon den Vorausinformationen entnehmen, sind zwei grundverschiedene Dinge. Der Dualismus nicht nur der deutschen Filmproduktion und Kinosituation, „kommerziell“ und „unabhängig“ geheißen, sondern inzwischen auch der entsprechenden Journalisten und Presseorgane wird bei diesem Festival in der Konzeption, im Programm, im organisatorischen Ablauf und sogar im Sprachgebrauch untermauert: Sind Sie bei uns oder bei denen akkreditiert, kommen Sie von Bauer oder von Gregor, gehen Sie in den, Zoo-Palast oder ins Atelier und Arsenal?

Der Unterschied ist tatsächlich eklatant: beim Wettbewerb roter Plüsch, Ankündigungen in drei Sprachen, Stars mit Blumensträußen, feine Leute und bemühte Festlichkeit (eine revolutionäre Neuerung: der Gong ist abgeschafft) – beim Forum mehr Bärte und lange Haare, Gammel-Look, eine informelle Atmosphäre, Diskussionen; hier Film als Unterhaltung und Geschäft – da Film als Medium einer praktischen, vorwiegend politischen Arbeit; hier eine starre Hierarchie und ein veralteter Apparat mit viel offiziösem Brimborium – da eine kleine engagierte Truppe mit einem bis zum Platzen vollgestopften Programm und mit Stapeln von erstklassigem Informationsmaterial. Kurz, die Frontstellung ist absolut und läuft auf eine Trennung hinaus.

Er, der Held, hatte solche Probleme nicht. Er kam immer im rechten Augenblick und in höchster Not, wie es Traumfiguren im Kino so tun, löste alles und führte unweigerlich ins Happy-End. Selbst wenn er starb, schwebte er schnell zu seinen Freunden in den Himmel und sah amüsiert aus den Wolken auf die trauernden Hinterbliebenen herab. Ein Kinoheld, das war seine Devise, darf rühren, erheitern, verzaubern, aber nicht erschüttern oder vergrämen. „Keine Angst“, sagte er dazu, „wir müssen rasch genug wieder zurück.“ In die Wirklichkeit, meinte er.

Die Wirklichkeit ist Trumpf im politischen Film, der sich in einem neuen Gewand, sozusagen in seiner zweiten Generation präsentierte: nach den Jahren trister Gebetsmühlen und weltumgreifender Traktate nun konkrete Einzelfälle, sinnlich und ästhetisch und in Farbe. Über zehn Filme im Forum behandelten Themen des Streiks und der Revolution. Oft sind es Ergebnisse langer Recherchen und intensiver Zusammenarbeit mit Arbeitern, voll exakter Angaben, deftignaturalistischer Details und Authentizität.