Der Mann am Kiosk zuckte bedauernd mit den Schultern: „Tut mir leid. Andere Jugendzeitschriften führen wir nicht. Das einzige, was wir haben, ist Bravo!“ Diese Antwort bekommt man des öfteren, wenn man sich an Zeitungsständen nach den verfügbaren Jugendzeitschriften erkundigt; erhältlich sind allenfalls Bravo und, wenn es hoch kommt, die Musikgazetten musikexpress und pop.

Das Spektrum der Jugendzeitschrift ten in Deutschland ist eng, nicht zuletzt deswegen, weil underground, die Unabhängige Schülerzeitung, und Twen bereits ihren Geist aufgeben mußten. Heute lassen sich nur noch sechs überregionale Presseorgane ausmachen, die den Anspruch erheben, auf die Bedürfnisse und Interessen der jungen Leute zugeschnitten zu sein.

Bravo rühmt sich, „Deutschlands größte Zeitschrift für junge Leute“ zu sein, und in gewisser Weise trifft das auch zu. Mit rund 900 000 wöchentlich ausgelieferten Exemplaren ist es die einzige wöchentlich erscheinende und die weitestverbreitete Jugendzeitschrift – allerdings ist gerade sie der schärfsten Kritik von Pädagogen, Soziologen und Fachwissenschaftlern ausgesetzt. Durch ihren uneingeschränkten Starkult („Schmeichelnde Stimme, offenes Lächeln ... lässiges Auftreten, kameradschaftliche Ungezwungenheit: Das ist Chris Roberts“), durch wirklichkeitsfremde Serien („Die Abenteuer eines Mädchens, das als Photomodell Karriere macht“) sowie durch im Text versteckte Werbung (Modeseiten, Filmanpreisungen usw.) mache sie sich zum Handlanger der Freizeit- und Musikindustrie, erziehe den Leser zum kritiklosen Konsumieren und helfe ihm nicht, seine persönlichen Probleme zu bewältigen.

Ähnliche Vorwürfe lassen sich auch auf den monatlich erscheinenden musikexpress, das „Popmagazin unserer Zeit“, anwenden. Hier wird sogar die Thematik nur auf das Geschehen innerhalb der „progressiven“ Pop-Szene begrenzt, während Bravo sich wenigstens manchmal andeutungsweise anderen Bereichen zuwendet. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Leser. Bravos Hauptabnehmerschaft liegt bei den 12- bis 17jährigen Mädchen, die des musikexpress bei den 15- bis 20jährigen männlichen Jugendlichen, die sich etwas darauf zugute halten, mehr oder weniger ausgeflippt zu sein. (Beispiel einer Kontaktanzeige: „Hi Fans. Bin 16 Jahre alt, ziemlich vergammelt, und suche nach einer irren, langhaarigen Type. Bin sehr progressiv eingestellt, Hobbys: Kaugummi kauen, Asterixhefte sammeln.“)

Auf der gleichen Welle schwimmt mittlerweile die Schweizer Illustrierte pop, von der über 100 000 Exemplare in Deutschland vertrieben werden. Doch bei der Gründung vor vier Jahren hatte Chefredakteur Marquard vor, das Blatt inhaltlich von den üblichen Gazetten abzusetzen, vor allem von Bravo. Doch dieser gute Vorsatz schwand bald dahin, denn: „Ich habe sehr viele Jugendzeitschriften gesehen, die alle kritisch waren ... und alle eingingen. Schließlich wollen wir nicht das gleiche Schicksal erleiden.“ So wurde aus pop ziemlich bald ein Blatt wie jedes andere: viel Starkult, wenig Informationen. Trotzdem muß man pop zugute halten, daß es wenigstens ab und zu eine kritische Bemerkung macht, beispielsweise über das Geschäft mit dem Jesus-Boom oder über den Rauschmittelmißbrauch.

Ein Beispiel, daß kritische Jugendzeitschriften nicht zwangsläufig eingehen müssen, bietet die DGB-Jugendzeitschrift ’ran, die trotz Verzichts auf Starrummel und kommerzielle Anzeigen schon eine Leserschaft von 100 000 festen Abnehmern aufzuweisen hat. Das Konzept des politischen Gewerkschaftsmagazins wird an einem Beispiel deutlich: Bravo singt Lobeshymnen auf den „Butterfly“-Star Danyel Gerard („Meine treuesten Fans sind die deutschen Fans“), ’ran reißt ihm in einem Interview die Maske vom Gesicht. Gerard: „Politik und alles, was damit zusammenhängt, ist etwas für Geisteskranke. Ich halte wirklich jeden, der sich politisch engagiert, gleich welcher Richtung, und jeden, der sich für Politik interessiert, für geisteskrank.“ Den Erfolg solcher aufklärenden Berichte kann man überall verfolgen: Von begeisterten Leserbriefen bis zu wohlwollenden Presseberichten regnet es Zustimmung. Nur dem Herausgeber, dem DGB, ist das Blatt zu frech, zu links.

Elan, das sozialistische Jugendmagazin der Arbeiterjugend, das mit einer Auflage von monatlich 24 000 Exemplaren in Dortmund erscheint, wendet sich wie ’ran speziell an Lehrlinge und junge Arbeiter. Die Aufgabe dieses durchaus informativen Magazins formuliert Redakteur Hennecke folgendermaßen „Wir möchten einerseits dem jungen Arbeiter seinen Standort im Rahmen unserer gesellschaftlichen Ordnung verdeutlichen (vom sozialistischen Standpunkt ausgehend) und diesen als veränderbar und veränderungsbedürftig darstellen, andererseits ein Forum zur Diskussion verschiedener Konzeptionen bieten.“