Auch nach dem fünften Erkundungsgespräch kam zwischen Prag und Bonn der Brückenschlag zum eigentlichen Normalisierungsgespräch nicht zustande. Die Zauberformel einer beidseitig annehmbaren Ungültigkeitserklärung des Münchner Abkommens wurde nicht gefunden.

Das deutsche Angebot eines Grenzanerkennungsvertrages und die Brandtsche Formel, daß das Münchner Diktat „zutiefst ungerecht, unmoralisch und jetzt (ex nunc) ungültig“ sei, war Prag zu wenig. Die CSSR-Forderung nach einer wenn nicht mehr vokabularischen so doch immer noch essentiellen Null- und Nichtigerklärung des Hitler-Abkommens „von allem Anfang an“ (ex tunc) war Bonn zuviel. Das Spiel mit dem Gänseblümchen geht weiter: Ex tunc, ex nunc, ex tunc.

Es gab in Prag die gute alte Novotny-Zeit, als der Leiter der Deutschland-Abteilung um die Jahreswende 1966/67 den Formelstreit um München als irrelevant für einen Diplomatenaustausch bezeichnete. Es gab nach Jahren der Verkrampfung im Mai und Juni dieses Jahres Äußerungen von Parteichef Husák und Ministerpräsident Strougal, die auf neue Flexibilität schließen ließen. Rade Pravo sprach im Zusammenhang mit dem Münchner Abkommen von einem möglichen „Kompromiß“. Jetzt hat Prag wieder dichtgemacht. Harte Männer, wie ZK-Sekretär Bilák und Außenminister Chnoupek, regieren die Stunde und versuchen, ein spätes Junktim zwischen ihrer Bonn-Politik und der innerdeutschen Anerkennungsforderung Ostberlins aufzubauen.

Die von Prag ertrotzte neue „Denkpause“ hat jedenfalls zu keiner Drehpause bei den Arbeiten für den monströsen CSSR-Film über die Münchner „Tage des Verrats“ geführt. 1200 Schauspieler, 46 000 Soldaten und Milizangehörige sollen auftreten, Archivdokumente keine verwendet werden. Für die unpopuläre Prager Führung, die ihren Menschen sonst so wenig zu bieten hat, bleibt das mit schwersten Erinnerungen beladene Münchner Abkommen ein Thema, das es eben auch innenpolitisch möglichst lange auszuschlachten und offenzuhalten gilt. A. K.