Von Jean Amery

Noch gestern war die Bombe flammende Aktualität. Eine von Intellektuellen geführte, aber weit über den engen Kreis aktivistischer Geistigkeit hinauslangende Bewegung internationaler Reichweite war nicht ganz ohne Erfolg bemüht, der Welt ihre tödliche Gefahrenkondition bewußt zu machen. In England waren die großen Ostermärsche an der Tagesordnung, in Deutschland erscholl der Streitruf „Kampf dem Atomtod“, Wissenschaftler reisten nach Japan, um die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki zu befragen.

Das alles – dieses Gestern – liegt jetzt schon sehr weit zurück. Der Widerstandswille, namentlich der jungen Menschen, entzündet sich an anderen Problemen: Vietnam oder der Verderb der Landschaften wurden zu neuen Katalysatoren. Das Unheil nimmt im öffentlichen Bewußtsein neue Gestalt an; nun ist es nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr allein die thermonukleare Bombe, die Tod, Ende, Nichts versinnbildlicht. Die Apokalypse, der Menschheitsuntergang, der damals drohende Zukunft war, ist manchen heute die Vergangenheit ihrer Angst. Man hat sich daran gewöhnt, mit der Bombe zu leben. Ein Gefühl trügerischer Sicherheit beginnt sich zu verbreiten. Keiner, so ist mit einem Mal die allgemein akzeptierte Auffassung, würde jemals wagen, das äußerste Mittel einzusetzen, die letzte Unvernunft. Nur: hat die Gefahr sich denn de facto verringert? Es besteht kein einsichtiger Grund, es zu glauben. Man ist angstmüde geworden, angstfaul. Das ist alles.

Darum ist es gut, die Aufzeichnungen eines Mannes zur Hand zu nehmen, der als einer der Träger und Inspiratoren der Anti-Atomtod-Bewegung in den fünfziger und ersten sechziger Jahren eine erhebliche Rolle gespielt hat. Ich spreche von

Günther Anders: „Endzeit und Zeitende“ – Gedanken über die atomare Situation; Beck’sche Schwarze Reihe 86, C. H. Beck Verlag, München; 221 S., 12,80 DM.

Der dem Andenken Max Borns gewidmete Band enthält eine Reihe von Aufsätzen und Ansprachen des Verfassers, die sich über den Zeitraum von 1958 bis 1963 erstrecken – nur ein ganz kurzer Beitrag verzeichnet das vergleichsweise junge Datum 1967. Alle Aufsätze, die man philosophisch als Paraphrasen zu Anders’ Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“ und zu seinen Tagebüchern „Die Schrift an der Wand“ ansehen mag, tragen die charakteristischen Merkmale seines Denkens: eine unbestechliche Ratio verbindet sich mit humanem Pathos und einer eigentümlich biblisch grollenden Empörung gegen das Geschick, das der Mensch sich selbst zu bereiten im Begriffe steht. Günther, Anders war und blieb der luzideste Kritiker der technischen Welt, deren Götzendämmerung er im Glutlicht der Atombombe zu sehen meint. Diese ist für ihn die äußerste Konsequenz dessen, was der Homo faber zu erstellen und anzustellen vermag, zugleich aber das ganz und gar Neue und andere. Denn in diesen Tagen – den wahrhaft „letzten Tagen der Menschheit“ – befinden wir uns historisch in einem Endzustand.

„Bis 1945“, sagt der Autor, „waren wir nur die sterblichen Glieder einer als zeitlos gedachten Gattung gewesen ... Nunmehr gehören wir einem Geschlecht an, das als solches sterblich ist.“