Zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Notenbankpräsident dem Bundeswirtschafts- und Finanzminister im Kabinett eine Abstimmungsniederlage beigebracht. Am 29. Juni beschloß die Bundesregierung gegen Karl Schillers Stimme Kontrollmaßnahmen zur Abkehr ausländischer Spekulationsgelder. Dieser erste Schritt vom Wege, absoluter Freiheit im Kapitalverkehr mit dem Ausland war von Bundesbankpräsident Karl Klasen empfohlen worden. In einer entscheidenden ordnungspolitischen Frage fand Schiller weder in der Bundesbank noch in der Bundesregierung Alliierte.

Das mußte ihm unter die Haut gehen. Als er Klasen 1970 das Amt des Bundesbankpräsidenten anbot, mag er geglaubt haben, einen Mann gewählt zu haben, mit dem es vielleicht dann und wann sachliche Reibereien, aber kein persönliches Zerwürfnis geben würde. Er sollte sich geirrt haben.

Die beiden Männer sind sich 1946 zum erstenmal begegnet. Der damals 37jährige Klasen, seit 1935 Angestellter der Deutschen Bank und seit 1931 Mitglied der SPD, lernte durch Erich Klabunde in Hamburg Gustav Dahrendorf kennen. Der Vater des EWG-Kommissars Ralf Dahrendorf war prominenter Sozialdemokrat und Vorsitzer beim Zentralverband Deutscher Konsumgenossenschaften. Im Hause Dahrendorf traf Klasen den 35jährigen Schiller, der eben als junger Dozent von Kiel nach Hamburg gekommen war. Klabunde frozzelte: „Herr Schiller, Sie sollten Hamburger Wirtschaftssenator werden.“

Er ahnte nicht, daß das schon am 13. Oktober 1948 geschehen würde. Im gleichen Jahr wurde Klasen Chef der Hamburger Landeszentralbank. Zum erstenmal arbeiteten die beiden Männer beim Aufbau der Hamburger Werftindustrie zusammen. Klasen erinnert sich: „Nie hat Schiller etwas von mir verlangt, was ich als Präsident der Landeszentralbank nicht hätte vertreten können.“ 1952 -trennten sich ihre Wege wieder. Klasen ging in den Vorstand der Deutschen Bank.

Erst 1969 hatten sie wieder miteinander zu tun. Schiller, inzwischen Bundeswirtschaftsminister, bot Klasen, inzwischen einer der beiden Vorstandssprecher der Deutschen Bank, das Amt des Bundesbankpräsidenten an. Auf einem Bankett Mitarbeiter in Hamburg riet ein früherer Mitarbeiter Schillers seinem Tischnachbarn Klasen: „Das Amt würde ich immer annehmen, nur dann nicht, wenn Schiller Bundeswirtschaftsminister ist, denn der ist unfair.“ Dieses Urteil war für Klasen Anlaß zu einer gründlichen Aussprache mit seinem Duzfreund Schiller. Am Ende gelobten beide, stets fair zueinander zu sein.

Anfangs ging auch alles gut. Im Frühsommer 1970 bekannte der Bundesbankpräsident, dessen Kontakt mit Schiller erfreulich eng war: „Die von persönlichen Sympathien getragenen Beziehungen sind die beste Gewähr für eine koordinierte Wirtschaftspolitik.“ Seite an Seite kämpften Schiller und Klasen gegen den Einfluß des Gewerkschaftsflügels der SPD.