Die Krise um das britische Pfund hat eine Krise in Bonn ausgelöst. Bundeswirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller hat Bundeskanzler Brandt einen fünfseitigen Brief geschrieben und ihn darin um seine Entlassung mit Wirkung vom Freitag dieser Woche gebeten. (Am Wochenende will der Doppelminister in Urlaub fahren.) Brandt verschob seine für Donnerstag vorgesehene Pressekonferenz um einen Tag.

Das Zweite Deutsche Fernsehen, hatte schon am Montagabend von dem Entlassungsgesuch berichtet, dessen Existenz noch gegen Mitternacht offiziell dementiert, am Dienstagnachmittag jedoch eingestanden wurde. Schiller selbst verweigerte wie schon in den Tagen zuvor jede Auskunft; er nahm – „Ja, ich bin im Amt“ – an den deutsch-französischen Konsultationen bis zum Ende teil.

Mit seinem Entlassungsgesuch – vor ihm sind bereits zwei Minister aus dem sozialliberalen Kabinett ausgeschieden – zog Schiller die Konsequenzen aus seiner Niederlage in der Währungsfrage Mitte vergangener Woche. Bei der Diskussion um die Abwehr der befürchteten Welle von Spekulations-Dollars im Gefolge der Pfundkrise blieb er mit seinen Vorstellungen allein. Die Minister folgten dem Rat von Bundesbankpräsident Klasen – der wie Schiller mit seinem Rücktritt gedroht haben soll – und verfügten nach § 23 des Außenwirtschaftsgesetzes, daß der Verkauf von festverzinslichen Wertpapieren und Schuldschein nen ins Ausland von der Bundesbank genehmigt werden muß. Außerdem wurde die Bardepot-Freigrenze von zwei Millionen auf 500 000 Mark je Einzelkredit gesenkt und der Bardepotsatz von 40 auf 50 Prozent angehoben.

Schiller weigerte sich, diese am Donnerstagmittag gefällten Beschlüsse zu unterzeichnen und setzte damit das Gerüchte-Karussel in Bewegung. Er zog sich in seine Wohnung zurück und kam auch nicht zu der Ministerbesprechung für die Vorbereitung des Pompidou-Besuchs. Am Montag sprachen sich die „fünf Weisen“, der Sachverständigenrat, zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, für Schillers Vorstellungen aus.

In Bonn will man wissen, daß Schillers Rücktrittsgesuch nicht allein mit der Niederlage im Kabinett begründet ist. Die innerparteiliche Opposition gegen die „Primadonna“ hatte ein solches Ausmaß erreicht, daß Schillers Rückkehr als Minister in eine neue sozialliberale Regierung und sogar seine Wiederaufstellung als Bundestags-Kandidat gefährdet erschienen.