Wenn die Bewohner von Marseille vom „Ruhrgebiet am Mittelmeer“ schwärmen, dann ist das keine jener charmanten Übertreibungen, für die sie bei ihren Landsleuten bekannt sind. In Fos, vor den Toren der Hafenstadt, entsteht seit geraumer Zeit Frankreichs größte Industriezone: Auf einem Gelände von 7000 Hektar wachsen Industrieanlagen aus dem Sand des Rhone-Deltas.

Fos ist in der Tat ein Projekt der Superlative. Die heutige Baustelle von der Größe der Stadt Paris läßt sich ohne Schwierigkeiten auf 20 000 Hektar ausweiten. Und an 35 Kilometer-langen Kaianlagen sollen einmal Supertanker bis zu 500 000 Tonnen anlegen. Heute werden Pipelines und Raffinerien bereits von 250 000-Tonnen-Tankern versorgt.

Bis 1974, so versichern die Planer, werden in dem einst verlassenen Fischerdorf Fos 15 000 Arbeitsplätze entstehen. Jean Laporte, Regionalpräfekt von Marseille, zögerte nicht, von einem „großen Erdbeben“ zu sprechen. Denn auf den bisher ungenutzten Sandflächen am Rande der wilden Camargue werden Milliarden-Investitionen die Landschaft verändern.

Wichtigstes Element des neuen Industriegebiets: die Schwerindustrie. Frankreichs Stahlkocher Nummer eins, die Gruppe de Wendel-Sidélor, will hier ab 1980 rund sieben Millionen Tonnen Stahl im Jahr produzieren. Das wäre immerhin ein Drittel der gesamten französischen Stahlproduktion des Jahres 1971. Die Kohle soll aus den USA angeliefert werden, das Erz aus Mauretanien.

Solcher Ehrgeiz des Familienkonzerns wird zwar an der Küste gern gesehen, vergrößert jedoch die Sorgen der Lothringer Stahlarbeiter um ihre Arbeitsplätze. Erst vor wenigen Monaten verkündeten die Wendel-Manager, 12 000 Arbeiter müßten sich im ohnehin strukturschwachen Lothringen einen neuen Job suchen, zumal der Konkurrent Usinor im Küstenstahlwerk Dünkirchen heute bereits doppelt so produktiv arbeitet wie die ostfranzösischen Hütten.

Doch der Umzug von der Mosel an die Rhône bereitet den Stahl-Bossen unerwartete Schwierigkeiten: Wendel-Sidélor ist das Geld ausgegangen, und niemand will die Lücke füllen. Im vergangenen Jahr machte der Konzern einen Verlust von 200 Millionen Francs. Auch 1972 wurde offiziell bereits zu einem „schwarzen Jahr“ erklärt.

Nachdem sich die Wendeis bei italienischen und spanischen Stahlproduzenten einen Korb geholt hatten, wandten sie sich offensichtlich auch an Thyssen. Doch die Deutschen wollten nicht einsteigen. Selbst die Regierung in Paris will nicht den Nothelfer spielen. Bisher lehnte sie es strikt ab, mehr als einen zinsgünstigen Kredit von 1,85 Milliarden Francs beizusteuern. Dabei wird die erste Ausbaustufe bis 1973 über sechs Milliarden Francs kosten.