Von Peter R. Hofstätter

Professor Dr. Peter R. Hofstätter ist Psychologe an der Universität Hamburg

Uniformen – sehr prächtige und betont schäbige – sind nicht neu. Es liegt daher nahe, sich nach den Einstellungen zu fragen, für die sie zu einem Symbol werden konnten. Damit gelangt man zu Ideologien, aber dieses Wort bedarf einer Erklärung, da es selbst ja unter einem kaum ganz unberechtigten Ideologie-Verdacht steht. Um in diesem Streit neutral bleiben zu können, definiere ich die spezifische Rangordnung der Werte, von denen Einzelpersonen und Gruppen ihr Erleben und ihr Verhalten bestimmen lassen, als deren Ideologie.

Die methodische Konsequenz aus dieser Begriffsbestimmung ist einfach: Man lasse verschiedene Personen eine Reihe von Wertbegriffen nach dem Ausmaß in eine Rangreihe bringen, in dem diese für ihr eigenes Leben von Bedeutung sind. Das denkbare Resultat einer solchen Operation könnte eine gemeinsame Hierarchie sein, bezüglich deren nur geringe Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen anzutreffen wären. Wir hätten es – definitionsgemäß – zwar immer noch mit einer „Ideologie“ zu tun, aber sie besäße für die Angehörigen einer bestimmten Kultur generelle Verbindlichkeit. Es wäre dann nicht schwer, in konkreten Einzelsituationen die Entscheidungen des jeweiligen Partners vorauszusagen, denn – soweit wie irgend möglich – versucht natürlich jeder von uns, seinen Wertvorstellungen entsprechend zu handeln.

In einer Gesellschaft, die sich dem Pluralismus verschrieben, hat, ist mit einem so einfachen Orientierungssystem kaum zu rechnen, jedoch wissen wir zunächst noch so gut wie gar nichts darüber, in welchem Ausmaß die Werthierarchien verschiedener Teile unserer Bevölkerung voneinander abweichen. Diese Frage hat die Empirie zu beantworten. Die Annahme scheint mir jedenfalls viel für sich zu haben, daß Konflikte und Mißverständnisse im kleinen und im großen – ja sogar auf der internationalen Bühne – aus unterschiedlichen Werthierarchien resultieren. Wie steht es zum Beispiel um die Rangplätze, welche diese oder jene Partei den Werten „Freiheit“ und „Gleichheit“ bei ihren Zielsetzungen und bei der Motivation des eigenen Verhaltens einzuräumen bereit ist?

Im Zuge eines Auftrages, den der „Arbeits- und Forschungskreis für Hygiene und Sauberkeit“ mir erteilt hat, sind meine Mitarbeiter und ich einer Beantwortung der empirischen Frage etwas nähergekommen. Es ging uns in erster Linie um die Ideologie von Personen, die ihre Loslösung von den gesellschaftlichen Normen des Aussehens und der Sauberkeit in sehr auffälliger Weise zum Ausdruck bringen. Umgangssprachlich werden diese als „Gammler“ bezeichnet, jedoch erschien es uns angemessener, von einer „Unterscheidungsgruppe“ (U) zu sprechen. Ihr war ein repräsentativer Querschnitt der „normalen“, das heißt der unauffälligen Bevölkerung (N) gegenüberzustellen.

Um die Verhältnisse noch etwas präziser erfassen zu können, haben wir uns außerdem noch an zwei Bevölkerungsgruppen gewandt, von denen wir annahmen, daß sie zumindest aus äußeren Gründen ihr Bedürfnis nach Sauberkeit nicht voll befriedigen können: die Bewohner sozialer Wohnlager (L) einerseits und die Rekruten der Bundeswehr (B) andererseits. Im ganzen wurden während der Sommermonate 1971 an Hand eines Fragebogens im Hamburger Raum 560 Interviews durchgeführt – davon 100 mit Angehörigen der U-Gruppe –, die im Einzelfall etwa 45 Minuten dauerten. Um vergleichbare Werte zu erhalten, beschränkten wir uns in allen Gruppen auf den Altersspielraum zwischen 16 und 35 Jahren. Insofern sind also auch die an der Normalbevölkerung gewonnenen Ergebnisse nur für deren jüngere Teile repräsentativ.