Von Dieter Buhl

Saigon, Im Juli

Mit einer in vielen Kriegsjahren erprobten Gelassenheit reagieren die Südvietnamesen in diesen Tagen auf die Anzeichen einer Wende. Nixons Zustimmung zur Wiederaufnahme der Pariser Friedensgespräche, Thieus Ermächtigungsgesetz, die erfolgreiche Bewährungsprobe der südvietnamesischen Armee in An Loc und Kontum, die Gegenoffensive in Quang Tri – all dies sind Ereignisse, die das Schicksal des Landes entscheidend beeinflussen könnten. Dennoch fällt es schwer, in Saigon Symptome neuer Hoffnung zu entdecken.

Thieu hat in letzter Zeit wiederholt zu verstehen gegeben, daß er nicht an den Erfolg von Friedensgesprächen glaubt und sie, wenn möglich, vermeiden möchte. Aber die Südvietnamesen wissen, daß die Initiative nicht bei ihnen liegt und allein der amerikanische Präsident den Schlüssel für ein Arrangement mit Hansi in der Hand hält. In Saigon freilich überwiegen die Skeptiker, die nur an einen begrenzten Verhandlungswillen der Nordvietnamesen glauben. Allenfalls wird erwartet, daß Hanoi die Freilassung der amerikanischen Kriegsgefangenen als Verhandlungsangebot einbringt. Ein Angebot, die Kampfhandlungen einzustellen oder gar den Rückzug aus den besetzten Gebieten anzutreten, gilt als völlig unwahrscheinlich. Die alte Devise, „im Norden geboren zu sein, um in den Süden einzudringen“, mit der Ho Tschi Minh und Giap die nordvietnamesische Jugend immer wieder mobilisieren konnten, wird Hanoi nicht wegen ein paar militärischen Rückschlägen aufgeben.

Auf Grund einschlägiger Erfahrungen konzentriert sich daher das Interesse der Südvietnamesen weniger auf die nordvietnamesischen Reaktionen als auf das Entgegenkommen Washingtons. Eine neue amerikanische Offerte, die Bombardements im Norden einzustellen, wäre unter Umständen auch für Saigon akzeptabel. Kritischer würde es schon, wenn Nixon Hanoi die Zulassung einer eigenen Partei im Süden anbieten würde, selbst wenn diese nicht als kommunistische, sondern nur als „neutrale“ Nachfolgeorganisation der Nationalen Befreiungsfront etikettiert werden sollte. Daß Nixon den Kommunisten die Beteiligung an einer Koalitionsregierung vorschlägt, ist indessen unwahrscheinlich, denn für ein solches Experiment würde sich in Saigon kaum ein namhafter Politiker finden lassen.

Die Opposition ist in dieser Frage durchaus einer Meinung mit der Regierung, wie überhaupt die Differenzen zwischen Thieu und seinen ebenso zahlreichen wie untereinander zerstrittenen Gegnern kaum ideologisch bedingt sind, sondern hauptsächlich auf persönlichen Rivalitäten beruhen. Der Eindruck, Südvietnam sei ein Polizeistaat und alle Regierungsgegner befänden sich in Gefahr um Leib und Leben, trügt bei näherem Hinsehen. Sie können von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen, öffentlich Stellung nehmen und sich, organisieren. Das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Verkündung der Sondervollmachten des Präsidenten bei den Oppositionspolitikern Verärgerung ausgelöst hat. Die Vorgänge im Senat während der Abstimmung – die Opposition fehlte fast völlig – sind symptomatisch: Politik auf vietnamesisch.

Der Zeitpunkt für Thieus Machtstärkung freilich war gut gewählt. Durch die Aggression aus dem Norden und die anschließenden Erfolge der Armee, vor allem ihr Ausharren in An Loc, haben die meisten Oppositionellen und große Teile der Bevölkerung zum erstenmal so etwas wie eine nationale Identität gefunden. Daß außergewöhnliche Zeiten außergewöhnliche Mittel verlangen, ist ihnen nun eher klarzumachen.