Von Michael Jürgs

In seiner Wohnung im Münchner Arbeiterviertel Giesing hängen Poster von Mao Tse-tung und Che Guevara, auch von Jochen Rindt. Er sitzt auf der Couch, spielt mit seiner kleinen Tochter und hält es „für müßig, die Unterschiede zwischen CDU und SPD zu suchen“, weil das doch schon „ineinander übergeht“. Er selbst, sagt er, steht allemals links.-von der SPD. Der junge Mann mit dem Kraushaarkopf wird im September 21 Jahre alt, er meint, ein überzeugter Marxist zu sein. Das ist in seiner Generation nichts Besonderes.

Doch der junge Mann heißt Paul Breitner, und Paul Breitner ist Außenverteidiger beim Münchner Renommierklub „Bayern München“ wie auch in der deutschen Fußballnationalmannschaft. Das zentrale Fußballorgan Kicker schrieb nach Paul Breitners Leistungen im Münchner Länderspiel gegen die UdSSR (4:1): „Großartig im Tackling, kaum an ihm vorbeizukommen. Der junge Bayer hat die erstaunlichste Entwicklung des letzten Jahres durchgemacht. Unentbehrlich geworden!“

Paul Breitner, der den Kicker liest (aber nicht nur) sagt: „Wir Bundesligaspieler sind die Gladiatoren dieser Zeit. Wir ziehen wie ein moderner Zirkus durch die Lande und lassen uns für Geld bestaunen und verdammen.“ Er sieht seinen Job als Fußballprofi ohne romantische Verklärung und ohne jenes seltsame Pathos, das sich in Begriffen wie „Bomber der Nation“ (Müller) oder „Kaiser Franz“ (Beckenbauer) ausdrückt. 1970 kam er, achtzehnjährig, zum FC Bayern, seit Februar 1971 hat er einen Stammplatz. Vom vierzehnten Lebensjahr an spielt er Fußball unter Wettkampfbedingungen, in der bayerischen Jugendauswahl, in der deutschen Jugendelf, inzwischen auch achtmal in der A-Nationalmannschaft. Er war achtzehn Monate bei der Bundeswehr – „normal hätte ich verweigert, aber mit Fußball nebenher ging das nicht“ – und wurde als Gefreiter entlassen.

Breitner ist der Anti-Typ eines Fußballers. Die Jahre bis zu seinem Abitur (1970 in Freilassing) haben ihn geprägt: Ohnesorg-Erschießung, Dutschke-Attentat, APO, Unruhen, Aufbegehren gegen die Welt der Väter. In diesem Jahr noch beginnt der Nationalspieler Paul Breitner ein Studium an der Pädagogischen Hochschule in München-Pasing. Er will Sonderschullehrer werden und weiß, daß auch dann das Anecken zum Beruf gehört. Wie fühlt sich ein Marxist unterseinen sogenannten Sportskameraden, denen das Vorurteil nachhängt, ihr Verstand sei im Fußgelenk angesiedelt?

Verkauft an den FC Bayern

„Zunächst“, sagt Paul Breitner, „haben sie mich ausgelacht und gehänselt, wenn ich mit meinen. ‚roten Heinis‘ ankam und weder Jerry Cotton noch Westernhefte las. Jetzt wissen sie, daß mich das überhaupt nicht stört. Und solange ich die Leistung bringe, interessiert auch nichts anderes. Wir sind wie Maschinen, müssen samstags um halb vier den programmierten Höhepunkt erreichen, alles andere ist dann unwichtig. In anderen Berufen kann man sich mal einen schwachen Tag erlauben und das Versäumte am nächsten Tag nachholen. Unser Spiel dauert neunzig Minuten, und nachzuholen gibt es da nichts.“