Da wird zum Beispiel in einer gescheiten Arbeit von Caroline Spurgeon („Shakespeares Imagery and what it teils us“) Textstelle um Textstelle untersucht, gleich ob vom Herausgeber nur erschlossen oder zweifelsfrei authentisch; T. S. Eliots „Waste Land“ war Anglisten Objekt tiefschürfender Analysen, bis es als Kollektivarbeit Eliots und Pounds erkannt wurde. Literaturwissenschaftliches Geschäft, ohnehin fragwürdig, muß noch um ein paar Grade mehr den wissenschaftlichen Nimbus entbehren, auf den es zumindest in Deutschland so versessen ist und der ihm nie so recht zuteil werden wollte, sofern nicht ausgeschlossen wird, daß Irrtümer, die sich etwa in Setzerstuben eingeschlichen haben oder von rührigen Editoren stammen, vom Interpreten kühn als relevant für Autor und Werk betrachtet werden. „Wissenschaftlich“ heißt nicht, daß jede Interpretation von jedermann nachrechenbar sein müsse, heißt aber bestimmt, daß man sich hütet, mit ungesicherten Texten zu spekulieren. Einen möglichst akkuraten Text bereitzustellen, dabei kann sich die exakte Seite der Literaturwissenschaft erweisen, die sich in ihrem hauptsächlichen Terrain, der Deutung, zwangsläufig auf Subjektivismen einlassen muß.

Wissenschaftliche Ausgaben – wozu? Der normale Leser steht jenen gewichtigen Folianten, historisch-kritische Editionen genannt, mit ihrem ungenießbaren Varianten-Dschungel verständnislos gegenüber, Studenten oft nicht minder. Im Falle Hölderlins etwa zeigt sich der Sinn. Die Bände der Großen Stuttgarter Ausgabe, von Friedrich Beissner in jahrelanger Arbeit zusammengetragen, mögen recht unberührt in der Bibliothek stehen; die zweibändige Insel-Ausgabe, ohne Lesarten-Ballast, basiert auf dieser Arbeit und bietet stillschweigend einen gesicherten Textbestand. Historisch-kritische Ausgaben fungieren als eine Art Urmeter für die Masse der Lese- und Studienausgaben, der Paperbacks. Darüber hinaus können wissenschaftliche Editionen natürlich Einblicke in die Genese eines Werkes erlauben, die oft nicht unwesentlich sind.

Wer nach einem Handbuch der Editorik forscht, sich die Termini oder das praktische Instrumentarium aneignen möchte, sieht sich enttäuscht. „Definite Vorstellungen über Aufgabe und Ziel kritischer Ausgaben, die allein einer technologischen Unterweisung zugrunde gelegt werden könnten, liegen im Bereich der neueren Philologien bislang noch nicht vor“, so liest man im Vorwort des Bandes –

„Texte und Varianten“ – Probleme ihrer Edition und Interpretation, herausgegeben von Gunter Martens und Hans Zeller; C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München; 441 S., 29,50 DM.

Kein Handbuch, keine pragmatische Gebrauchsanleitung – aber durchweg ein lobenswerter Band, ein Experiment, das „einen Überblick über die gegenwärtig relevanten Strömungen der Editorik zu geben und sowohl: ihre grundlegenden Ansätze wie auch ihre paradigmatisch aufgezeigten Verfahrensweisen zur Diskussion zu stellen“ beabsichtigt. Es bestechen die Prägnanz der einzelnen Beiträge und die kluge Auswahl der verschiedenen Aspekte. Bemerkenswert der grundlegende Aufsatz von Siegfried Scheibe, der sich um Definitionen der fachlichen Begriffe bemüht; gerade auf diesem Sektor ist ein chaotisches Durcheinander zu finden. Die anderen Aufsätze reichen von der Erörterung verschiedener Verfahrensweisen der Edition über Probleme der Verlagsplanung, der organisatorischen Arbeit bis zu den Hilfsmitteln der technisch-maschinellen Textvergleichung. Hierzulande ist wenig bekannt, daß etwa die UdSSR seit den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution die Editorik als eine eigene wissenschaftliche Disziplin (dort Textologie genannt) etabliert hat.

Eine umfangreiche Literaturliste und ein mustergültiges Register brauchen als besondere Pluspunkte nicht hervorgehoben zu werden; man möchte meinen, es könnte bei diesem Band gar nicht anders sein. Werner Waldmann