ZDF, Sonntag, 2. Juli: „Demokratisierung an Theater!“

Das Gespräch war von bald diskreter, bald offenkundiger Ärgerlichkeit. Dem Gesprächsleiter August Everding war schon anläßlich einer früheren Diskussion in dieser Reihe, die sich „Theater in der Kritik“ nennt, Manipulation bei der personellen Besetzung der Runde vorgeworfen worden. Der Vorwurf muß erneuert, er muß verschärft werden. Die Berliner „Schaubühne an Halleschen Ufer“, das wichtigste unter den wenigen Theatern, welche Demokratisierung schon praktizieren und daher Erfahrungsstoff hätten ausbreiten können, war nicht vertreten. Zwar war eine Einladung an Herrn Ganz eigangen, aber mit seiner Absage hatte sich Everding allzu schnell abgefunden, anstatt nach einem Stellvertreter zu suchen unter den 80 Mitgliedern derselben Bühne:

Das war nicht nur ein Fairneßdelikt. Da es sich bei den Theatern der Mitbestimmung, wie der Kritiker Peter Iden betonte, noch um Lernprozesse handelt, sind die demokratischen Gremien noch im Aufbau begriffen, was Erfahrung, Selbstkontrolle und dementsprechend auch Argumentationsgenauigkeit und Diskussionsschlagfertigkeit betrifft: Sie haben es schwerer, ihre Modelle zu verteidigen, als etwa das traditionsreiche Intendantentheater.

Die Verteidigung der Demokratie auf den Gebieten Etat, Engagement, Spielplan, Rollenbesetzung und Gagen fiel dem Darmstädter Dramaturgen Michael Kluth und dem Frankfurter Dramaturgen und Regisseur Wolf gang Wiens vom Theater am Turm deshalb schwer. Als Maria Becker, Schauspielerin und Mit-Direktorin der „Schauspielgruppe Zürich“, einhakte und konkret wissen wollte, nach welcher Methode entschieden würde, falls sie zum Beispiel selber an einem Theater solchen Typs engagiert werden wollte, war keine bündige Antwort zu vernehmen. Auch die Frage, wie etwa die Annahme eines Stücks von der demokratisch einberufenen, omnipotenten Vollversammlung einer Bühne praktiziert wird, wurde vage, ja ausweichend beantwortet. Und als schließlich das Thema Mitbestimmung quasi von der Kehrseite, von der Mitverantwortung behandelt wurde und der Essener Generalintendant Erich Schumacher das Dilemma ausmalte, wenn inmitten einer Spielzeit der Etat für Sachausgaben erschöpft ist, da herrschte vollends Ratlosigkeit.

Peter Iden meinte, es gebe kein Drama, das sich nicht einsetzte für die Emanzipation des Menschen, und die freiheitlichen Tendenzen des Dramas könnten nicht „übersetzt“ werden von Menschen, die selber nicht frei sind. Sehr wahr. Aber darunter litt der Abend an dieser Stelle und ganz generell: Je richtiger die Grundsätze des Theaters formuliert wurden, desto abstrakter waren sie auch, desto weniger praktikabel in einem derartigen Disput.

Das Gespräch wurde nicht beendet, es wurde, was nicht gerade für die Gesprächsleitung zeugt, abgebrochen. Allerdings in einem Stadium, in dem es, schon gefährlich von Begriffsverwirrung und Begriffsnebel durchsetzt, noch nicht einmal ein annähernd förderliches Abstecken der gegensätzlichen Positionen erkennen ließ.

René Drommert