Von Nina Grunenberg

Warum sich die Professoren vom „Bund Freiheit der Wissenschaft“ so erregten, war nicht einzusehen. Sie hatten, so wurde berichtet, in den Funkhäusern schon vorsorglich Sendezeit beantragt, um auf die Angriffe ihrer progressiven Kollegen zu antworten. Doch der Gegenbund, der am Wochenende in Marburg unter der Bezeichnung „Bund Demokratischer Wissenschaftler“ gegründet wurde, hatte keinen Start, der sie hätte beunruhigen müssen. In der Hauptsache bestand er aus einem Streit der Linken über ihre Sammlungsstrategie.

Tausend Teilnehmer waren es ungefähr, die sich im Auditorium maximum der Marburger Universität versammelt hatten. Auf den ersten Blick war die Mehrzahl davon Studenten. Professoren gab es auch, doch sie zu identifizieren war nicht einmal durch die Mitgliederliste eindeutig möglich. Die meisten lassen ihre Titel weg. Nur die „linken Linken“ sind so elitär, daß sie sich wieder als „Professor“ zu erkennen geben. Für Stimmung sorgte der Professor Walter Jens mit seinem Plädoyer für einen Pluralismus der Wissenschaft: „Daher muß eigentlich ein jeder, welcher die Unvollkommenheit eines gegebenen Zustands erkennt und auf Heilung derselben denkt, ein Radikaler sein: ein Zitat aus dem Brockhaus Conversationslexikon von 1836, ein Satz aus einem Artikel, der, von bürgerlichem Freisinn zeugend, radikale Reform mit der Veränderung auf verfassungsmäßigem Weg identifiziert. So sprach man einst... und wenn man heute anders spricht und glaubt, sich von den Linken zu trennen, dann trennt man sich in Wahrheit von den fortschrittlichen Elementen bürgerlicher Überlieferung, zerschneidet den Faden, der zum Freiheitsdenken der Aufklärung führt, weil man fürchtet – und dies zu Recht –, daß in der sozialen Demokratie für alle verwirklicht werden könnte, was die liberale einzelnen versprach!“

Das wäre eine schöne Feierrede gewesen, wenn zuvor die angestrebte Aktionseinheit der Reformer verwirklicht worden wäre. An ihre „Sammlung aus der Vereinzelung und Isolation“ an den Universitäten wird seit langem gedacht; seit geraumer Zeit finden Gespräche zwischen den der SPD nahestehenden Rektoren und Präsidenten, der Bundesassistentenkonferenz, dem Verband Deutscher Studentenschaften und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft statt. Doch dann war die Marburger Gruppe um Professor Wolfgang Abendroth vorgeprescht, die auch für Marxisten und Kommunisten offen sein will, flankiert von der Berliner Argument“-Gruppe, dem theoretischen Organ der linken Bewegung. Ihr Sprecher ist der Marburger Politologe Reinhard Kühnl. Sie reaktivierten den in den sechziger Jahren erfundenen „Bund Demokratischer Wissenschaftler“, konnten aber ein Programm noch nicht vorlegen. Offenbar war es ihnen vor allem darauf angekommen, die Initiative nicht allein der von der SPD domestizierten Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu überlassen, die die Reformer ebenfalls zur „bewegenden Kraft bündeln und sammeln“ will.

„Ihr wollt“, rief der Bremer Rektor Thomas von der Vring den Marburgern und Berlinern zu, „nur wieder eine Fraktion sein und nicht die Mitte mit der Linken verbinden.“ Damit formulierte er den Haupteinwand der anderen interessierten Organisationen, die alle nach Marburg geeilt waren, um noch zu retten, was zu retten war: Der „Bund Demokratischer Wissenschaftler“ repräsentiert einen zu schmalen Ausschnitt aus dem Spektrum der Linken. Wolfgang Abendroth hielt dem entgegen, daß die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die als Volksschullehrerorganisation entstand und ihren Hochschullehreranhang vor allem in den Pädagogischen Hochschulen fand, in den klassischen Universitäten bisher noch keinen fruchtbaren Boden fand. Das kann sich in den nächsten Jahren ändern. Die Assistenten haben vor, sich allmählich in der GEW zu organisieren. Dagegen ist das Gewerkschaftsbewußtsein der Ordinarien noch unterentwickelt. Das Wort des GEW-Vorsitzenden Georg Frister, schließlich sitze der Professor mit dem Schlosser im selben Boot der lohnabhängigen Massen, beeindruckt sie nicht sonderlich.

Die GEW glaubt aber mehr Chancen als die Berliner und Marburger „Demokraten“ bei jener Gruppe von Reformprofessoren zu haben, um die in Marburg so eifrig wie noch nie geworben wurde: Die Liberalen sind wieder gefragt. Sowohl die Gruppe um Abendroth wie die Gewerkschaftler möchten sie auf ihre Seite ziehen und vereinnahmen. Auf einmal sind sie nicht mehr die „dummen Auguste“, sondern gelten als unentbehrliche Helfer. Doch kaum einer dieser seltenen Vögel war in Marburg: kein Fischer-Appel kein Jörg Sinn oder ein Hans Rumpf oder wie sie sonst noch alle heißen. Sie scheuten den linken Streit, ihnen war der Anspruch zuwider, den der Name „Bund Demokratischer Wissenschaftler“ erhob: „So als ob alles andere keine Demokraten wären.“

Der Marburger Kongreß hatte ein konkretes Ergebnis. Im Herbst soll ein zweiter Kongreß stattfinden. Ihn wollen die Gewerkschaftler ausrichten. Bis dahin müssen die Interessenten der verschiedenen Richtungen den liberalen Reformen noch beweisen, daß sie sie nicht nur als „nützliche Idioten“ zur Bereicherung ihrer Mitgliedskartei einfangen wollen.