München

Im alten Rathaussaal stürzten sich 1300 Ausgewählte Münchner gierig auf Lachs, Forelle, Hirschrücken und Truthahn, als hätten sie schon tagelang nichts mehr zu essen bekommen. In der Fußgängerzone, einer Art neuem Mittelpunkt der bayerischen Hauptstadt, drängten sich nicht ausgewählte Münchner zu Freibier und Brezln an sieben Freiluftschänken. Bläser bliesen und Trachtentänzer tanzten. Eine Art Volksfestatmosphäre breitete sich aus um das Rathaus. Es war Freitag und es wurde gleich ein ganzer Haufen von Ereignissen auf einmal absolviert.

Gefeiert wurden: die 815. Wiederkehr des Stadtgründungstages, die Ablösung des alten Münchener Stadtrats durch den neugewählten, der Amtsantritt des neuen Oberbürgermeisters Georg Kronawitter und der Abtritt des alten Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel, die Ernennung des Letzteren zum Ehrenbürger der Stadt München. In Wirklichkeit ging es hauptsächlich um Hans-Jochen Vogel (47), der 12 Jahre lang der Glamour-Boy unter Deutschlands Oberbürgermeistern war. Die Publizistin Anneliese Friedmann, Herausgeberin der Münchner Abendzeitung, feierte ihn ganzseitig („Abschiedsbrief an den OB“) und eigenhändig ab zwischen „Lieber Herr Vogel“ und „Danke, Herr Vogel“ und bescheinigte ihm, er sei „ein pfundiges Mannsbild“. Der Süddeutsche Verlag war rechtzeitig zur allgemeinen Vogel-End-Euphorie ein 25 Mark teures Erinnerungsbuch auf den Markt mit dem Titel „die Amtskette“. Verfasser: Hans-Jochen Vogel.

Zum letztenmal konnte Vogel auf dem Vogel-Volksfest die Früchte kommunaler Vogel-Popularität ernten. Zeit zum Lob und Zeit zum Tadel. Der Münchner Merkur ließ nur behutsam anklingen: „Nicht alles glänzt, was ... geplant und heute bereits verwirklicht ist.“ Aber wo glänzt schon alles. Der ehrgeizige und empfindliche Jurist und nunmehr „Altoberbürgermeister“ Vogel marschiert ab in die höhere Etage der Landespolitik, wo die Zukunft noch etwas glanzlos erscheint für den SPD-Landesvorsitzenden Vogel im christlich-sozialen Bayern. Da trifft Vogel auf Strauß und auf die eigenen Jusos weiterhin. Ob ihm der Erfolg treu bleibt, ist ebenso ungewiß, wie seine Aussicht, in Bonn Minister zu werden.

Gerhard Tomkowitz, Leiter der Münchner „stern“-Redaktion