Von Karl-Heinz Janßen

So wäre er denn erst achtzig geworden – der Schriftsteller Walter Benjamin, der sich im September 1940 auf der Flucht vor der Gestapo in den Pyrenäen das Leben nahm – eine der genialsten Erscheinungen deutsch-jüdischen Geistes in diesem Jahrhundert, heimisch in den Gefilden von Philosophie und Literatur, von Kunst und Psychologie, von Sprache und Geschichte, ein Meister der kleinen Form, einfühlsamer Übersetzer von Proust und Baudelaire, dennoch lange Zeit ein Mann von "skandalöser Unbekanntheit" (Bloch), obgleich in den zwanziger, dreißiger Jahren nicht wenige Deutsche seine Essays und Rezensionen in Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten bewundernd gelesen oder sich an seinen Rundfunk-Hörmodellen ergötzt hatten, der Vergangenheit entrissen erst dank dem unermüdlichen Eifer seines Freundes Theodor Adorno, bis ihn die studentischen Rebellen der Neuen Linken wieder entdeckten, die in ihm den revolutionären Theoretiker sehen (der er auch gewesen ist).

Ihm zu Ehren am 15. Juli eine Feier auszurichten, hätte seiner Vaterstadt Berlin wohl angestanden, nicht minder der Stadt Frankfurt, wo er, herben wissenschaftlichen Enttäuschungen zum Trotz, sein literarisches Forum fand, der Stadt, in die nach dem Krieg seine Förderer vom Institut für Sozialforschung zurückkehrten und die heute sein Archiv und seinen Verlag beherbergt. Doch dazu muß er wohl erst hundert, ein "Klassiker" geworden sein. Statt dessen feierte ihn der Suhrkamp-Verlag auf gemäße Weise, indem er geladenen Gästen die ersten Bände der Gesammelten Schriften Walter Benjamins vorlegte und Philosophen von Rang und Namen zu Vorträgen und Diskussionen einlud.

Vom kulturrevolutionären Geiste dieses Denkers, der überzeugt war, "daß alle entscheidenden Schläge mit der linken Hand geführt werden müssen", war indes wenig zu spüren. Umsonst bemühte Benjamins Zeit- und Streitgenosse Ernst Bloch das Pathos der Bauernkriege. Eher glich die Veranstaltung einer gutbürgerlichen Weihestunde. Sogar Uwe Johnson, der für seinen vom Autounfall genesenden Verleger Siegfried Unseld die Honneurs machen mußte, hatte sich in festliches Schwarz gewandet.

Benjamins aus Jerusalem herbeigeholter Freund Gershom Scholem, der eine autobiographische Aufzeichnung Benjamins über Klees Angelus Novus vor dem Hintergrund jüdischer Mystik tiefsinnig ausdeutete, wollte ungläubig lachenden jungen Leuten wie skeptisch blickenden älteren Schülern Horkheimers eindringlich nachweisen, daß sich Benjamin von marxistischen Losungen nicht habe verführen lassen, auch wenn er zuweilen die Termini technici des Marxismus übernommen habe. Bloch ließ dies nicht gelten: Wer den historischen Materialismus aus dem Werk Benjamins hinauseskamotieren wolle, erweise ihm einen verheerenden Dienst. Nach der Begegnung mit der marxistischen Gedankenwelt sei es Benjamin – so Bloch – "wie Schuppen von den Augen gefallen", und man solle sie ihm nachträglich nicht wieder ankleben.

Entzündet hatte sich der Streit am Festvortrag von Jürgen Habermas. Mit unbestechlichem Scharfsinn hatte der Philosoph die Ansichten Benjamins über Kultur und Gewalt auf aktuelle Bezüge abgeklopft. Er ging zwar nicht so weit wie Scholem, aber seine Vorbehalte gegen allzu eifrige Neomarxisten, die den weltscheuen Ästheten Benjamin als Theologen der Revolution auf den Sockel heben möchten, waren unüberhörbar: "Meine These ist, daß Benjamin seine Intention, Aufklärung und Mystik zu vereinigen, nicht eingelöst hat, weil der Theologe in ihm sich nicht dazu verstehen konnte, die messianische Theorie der Erfahrung für den historischen Materialismus dienstbar zu machen."

Einer mußte schon genau hinhören, wollte er in der Habermas’schen Werkanalyse einen Kommentar zur gegenwärtigen Gewalt-Diskussion aufspüren: "Unter historischen Umständen, die den Gedanken an Revolution verbieten, die die Perspektive lange anhaltender umwälzender Prozesse nahelegen, muß sich auch die Vorstellung von der Revolution als dem Bildungsprozeß einer neuen Subjektivität wandeln." Hier ist der Ort, wo Habermas die Aktualität Walter Benjamins ansiedeln würde: Seine "konservativ-revolutionäre Hermeneutik, die die Geschichte der Kultur unter dem Aspekt der Rettung für den Umsturz entziffert", könne wegweisend sein.