Frankfurt

Als der Pfarrer Gottfried Brinkmann aus Frankfurt-Bockenheim laut um Hilfe rief, tat er es nicht von der Kanzel und nicht zu Gott. Er bat die Stadtverwaltung und seine Gemeinde, einen Stadtteil zu retten, „in dem bald niemand mehr wohnen mag“. Seine Predigt für Bockenheim veröffentlichte der Gottesmann in einer Frankfurter Tageszeitung. Er bat um Parkhäuser und Spielstraßen, um Toleranz und bessere Wohnungen. Er schrieb einen Wunschzettel „für ein Bockenheim, in dem ich gern leben würde“.

Frankfurt-Bockenheim, der Stadtteil, in dem sich Pfarrer Bringmann fragt, „woher eigentlich die Leute den Mut nehmen, Kinder hier in die Welt zu setzen“, ist ein Wohnbezirk am Rande der City, ein Wohnbezirk aus lauter sozialen Sackgassen: Hier gibt es mehr Alte als Kinder, mehr Gastarbeiter als Alte, mehr Abrißhäuser als Wohnungsbau, mehr Autos als Fußgänger.

Pfarrer Brinkmann findet das Leben in Bockenheim nicht unbedingt empfehlenswert. Er sieht ein, daß jene jungverheirateten Einkind-Ehepaare „recht haben, wenn sie erst hierher ziehen, weil es schön billig ist, und dann – sobald sie sich’s leisten können – ihrem Klo auf halber Treppe und unserem Bezirk angewidert den Rücken kehren“. Wo Uralt-Bauten nur abgerissen werden, wenn ein schönes neues Bürohaus ihre Stelle einnehmen soll, bleiben bloß die Alten und die Ausländer zurück.

Die Alten, so weiß der Pfarrer von Hausbesuchen zu berichten, „sitzen in wuchtigen Altbauwohnungen, verirren sich jeden Tag da drinnen und betrachten die vielen Räume, nach denen Studenten sich alle Finger lecken, nur als Mühsal zum Bohnern“. Für Rentner ist in Bockenheim nichts vorgesehen. „Viele von denen würden gern in Altenwohnheime ziehen. Aber Altenwohnheime gibt es hier nicht. Und den Stadtteil mag in dem Alter keiner mehr wechseln.“

Hier teilen sich Griechen, Türken und Spanier oft zu sechst ein Zimmer und zwei Stühle. Die fünftausend Bockenheimer Gastarbeiter wohnen meist in Häusern, die zum Wohnen zu schlecht und zum Abreißen zu schade sind. „Da sind ganze Straßenzüge auf dem Wege zu rein fremdsprachigen Elendsquartieren.“ Und die verbliebenen Deutschen meiden bereits die Gegenden, in denen sie groß geworden sind, als Balkan von Bockenheim.

Sein Wunschzettel beginnt mit „Häusern für Ausländer und Alte“. Bringmann: „Die sogenannten Randgruppen müssen mitten hinein ins Zentrum.“ Wo Menschen sind, dort sollen sie wohnen.