„Wenn man Olympische Spiele vorbereitet, muß man an den Tag danach denken“

Von Ernst Dieter Schmickler

Vor sechs Jahren haben Sie, Herr Daume, vor dem Präsidium des Deutschen Sportbundes unter anderem ausgeführt, daß es praktisch ein Wunder war, daß Deutschland die Olympischen Spiele 1972 bekam. Wie sehen Sie jetzt, Herr Daume, wenige Wochen vor Beginn der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München und in Kiel die Folgen dieses Wunders?

Zunächst einmal glaube ich auch heute noch, daß ich es damals so richtig sah. Es gab eigentlich wenig Gründe, gerade uns das Vertrauen zur Ausrichtung dieser so entscheidend wichtigen Olympischen Spiele zu schenken – ein Vertrauen, das uns zugegebenermaßen stolz macht. Es gibt nicht viele Beispiele, daß die Welt Deutschland wieder vertraut. Die sechs Jahre der Vorbereitung haben in der ganzen Welt dieses Vertrauen gestärkt. Wir haben doch eigentlich nun, von ganz wenigen und nicht mehr bedeutenden Störversuchen abgesehen, einen umfassenden Konsens, manchmal vielleicht sogar etwas zuviel Vorschußlorbeeren. Man erwartet die absolute Perfektion in der Durchführung der Spiele, die wir gar nicht einmal wollen. Aber wir werden es nicht leicht haben, das gemehrte Vertrauen zu rechtfertigen. Wir haben uns bemüht. Man wird auch unser Bemühen spüren. Und alle werden gern nach München kommen. Das bedeutet viel.

Bei der gleichen Gelegenheit, also vor dem Präsidium des Deutschen Sportbundes, haben Sie nach der Abstimmung des IOC pro München gesagt, der Hauptgrund für diese Entscheidung sei das von Ihnen gegebene Versprechen gewesen, Spiele zu organisieren, die sich deutlich von der Tendenz des Gigantismus, des Gladiatorentums und des politischen Mißbrauchs abheben würden. Wird München 1972 diesen Ansprüchen gerecht, Herr Daume?

Manches ist natürlich leichter gesagt als getan. Die olympische Bewegung – ganz allgemein der Weltsport – expandiert. Die internationalen Fachverbände haben nicht oft das Verständnis, über ihren eigenen Horizont und über ihre eigene Sportart hinwegzusehen. Das wiederum bedeutet, daß fast alle Sportarten mit gesteigerten Ansprüchen kommen. Es gibt immer neue Wettkämpfe mit möglichst noch mehr Teilnehmern. Wir werden, in München etwa 10 000 aktive Teilnehmer haben. Das hat es noch nie gegeben. Gleicherweise vermehrt sich die Zahl der Begleiter, Betreuer, Trainer, Ärzte; der personelle Aufwand in dieser Hinsicht wird immer größer. Wir haben unser Wort gehalten, daß wir nicht überdimensioniert große Sportstätten schaffen wollten.

Unsere Sportstätten sind kleiner als die von Mexiko. Wenn man Olympische Spiele vorbereitet, muß man in der Planung an den Tag danach denken. Unsere Sportstätten sind für München auch nach den Spielen vernünftig. München ist im Vergleich zu anderen Olympiastädten eine kleine Stadt. All diese Versprechungen haben wir gehalten; wir haben uns auch bemüht, nationalistische Entartungen – soweit der Veranstalter dies überhaupt kann – zu bremsen, beispielsweise durch das Bemühen, den Spielen eine gewisse Fröhlichkeit zu geben, durch ein gut durchdachtes Kulturprogramm, durch besondere Sorge für die Aktiven im olympischen Dorf. Man wird also überall zumindest auch dieses Bemühen spüren.