Von Horst-Wolfgang Bremke

Ein Betriebsunfall brachte es an den Tag. In einer bayrischen Kleinstadt wurde ein Zehnjähriger in die Notstation des Krankenhauses gebracht. Als Schweißhelfer in einem Betonwerk hatte er sich eine Augenverletzung zugezogen, Die folgenden Ermittlungen des Gewerbeaufsichtsamtes ergaben: Der Beton Werksbesitzer beschäftigte schulpflichtige Kinder, während der Ferienzeit mit Eisenflechtarbeiten. Dabei gab es nicht einmal Schutzbrillen für Schweißhelfer. Die Kinder, ohnehin billige Arbeitskräfte, sollten keine zusätzlichen Kosten verursachen.

Im Landkreis Starnberg beschäftigte ein Unternehmer Kinder in Heimarbeit; sie setzten für billiges Geld Kugelschreiber zusammen. Bei 10 000 Stück kamen sie auf 82,50 Mark. Der Vater eines Kindes: „Mehr als eine Mark pro Stunde war nicht zu schaffen, obwohl wir alle mitgeholfen haben.“

In einem Alten- und Pflegeheim mußten zwei fünfzehnjährige Mädchen wöchentlich mehr als 46 Stunden arbeiten. Eine Fünfzehnjährige kam sogar täglich auf zehn Stunden und in der Woche auf bis zu 68 Stunden.

Verstöße gegen die Bestimmungen des seit gut zehn Jahren bestehenden Jugendarbeitsschutzgesetzes sind keine Seltenheit. Vor allem kleine und mittlere Betriebe zwischen einem und 19 Beschäftigten scheinen sich nach einer Ermittlung des bayrischen Arbeitsministeriums auf solche Unkorrektheiten „spezialisiert“ zu haben. Mehr als 50 000 Verstöße werden von den Aufsichtsbehörden Jahr für Jahr registriert. Und nur knapp fünf bis sechs Prozent davon wurden geahndet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund schätzt die Dunkelziffer noch um ein Vielfaches höher: rund eine Million Verstöße pro Jahr.

Bei einer Überprüfung von 1169 Hamburger Betrieben stellte die Gewerbeaufsicht Ende letztem Jahres in 920 Unternehmen Verstöße gegen das Gesetz über den Jugendarbeitsschutz fest. So wird beispielsweise fast die Hälfte aller Jugendlichen in den Friseurbetrieben länger als erlaubt beschäftigt. Ganz schlimm steht es um die Jungen in der Binnenschiffahrt: Sie arbeiten täglich bis zu 14 Stunden.

In 76 Paragraphen hat der Gesetzgeber die Beschäftigung von Lehrlingen und jugendlichen Hilfsarbeitern geregelt. Er verbietet Kinderarbeit und körperliche Züchtigung, gefährliche Arbeit und Akkord. Er regelt Arbeitszeit und Urlaubsdauer, Berufsschulbesuch und Sonntagsruhe. Arbeitgebern, die vorsätzlich gegen einzelne Bestimmungen verstoßen, droht eine Geldstrafe bis 5000 Mark oder bis zu einem Jahr Gefängnis, Doch das Münchner Institut für sozialwissenschaftliche Forschung fand bei Erhebungen heraus: In der Bundesrepublik gibt es „so gut wie keinen Betrieb, in dem alle Bestimmungen eingehalten werden“.