Lüneburg

Am Ortsausgang von Lüneburg habe ich Achmed T. aufgepickt, zufällig, beim Autostopp. Achmed hat Feierabend und will „nach Hause“. Er nennt mir den Namen eines winzigen Dorfes, acht Kilometer von Lüneburg entfernt, in südöstlicher Richtung. Während der Fahrt erzählt er mir, wie er lebt: mit fünf Landsleuten hat er sich in zwei kärglich ausgestatteten Zimmern bei einer Frau eingemietet, die er „Mutti“ nennt. „Mutti“ kassiert pro Bett 100 Mark, im Monat also 600 Mark. Achmed findet nicht, daß die Miete zu hoch ist. Achmed ist schwarz; er kommt aus Nigeria und ist froh, ein Dach über dem Kopf und ein Bett für sich allein zu haben.

Achmed ist im letzten Herbst in die Bundesrepublik gekommen. Er will Architektur studieren. Das Studium kann er jedoch erst nach einem zweijährigen Praktikum beginnen. Zweite Bedingung: Er muß die deutsche Sprache beherrschen, eine Prüfung ablegen. Deshalb hat er einen Sprachkursus belegt.

Die Praktikantenstelle hat ein hilfsbereiter Lehrer dem jungen Afrikaner besorgt, bei einer Baufirma. Ich habe Achmed an seinem Arbeitsplatz besucht. Zusammen mit einem Hilfsarbeiter fegte er in einem Neubau Schutt zusammen. Sein Monatsverdienst: 450 Mark seit dem letzten Ersten. Bis dahin standen nur 230 Mark auf seinem Lohnstreifen. Als Praktikant hat Achmed nur Anrecht auf Ausbildungsbeihilfe.

Für den Sprachkurs bezahlt er monatlich 100 Mark. Und 110 Mark muß er seit kurzem monatlich auf ein Sperrkonto einzahlen, eine Rate für das Rückflugticket nach Lagos. (Auf Grund einer Anordnung aus Bonn, um den Zustrom von Nigerianern zu stoppen.)

Achmed meint, es geht ihm gut, sehr gut so-Kr. Verglichen mit vielen anderen, die seit dem letzten Jahr in großer Zahl nach Norddeutschland gekommen sind, hat Achmed tatsächlich Glück gehabt. Die Zahl der Afrikaner, die heute in Lüneburg und in den kleinen Städten und Dörfern der Nordheide leben, ist nach Schätzung der Behörden auf etwa; 2000 angestiegen. Genaues wissen sie nicht. Die Kartei des Ausländeramtes in Lüneburg erfaßt nur 170, weitere 100 sind im Landkreis Lüneburg registriert. Fest steht allerdings, daß der Zustrom von Nigeriasteht Kenianern und Ghanesen gerade in den letzten Monaten besonders stark war.

Ohne Ausnahme sind es junge Leute, die in der Hoffnung auf eine qualifizierte Ausbildung in die Bundesrepublik kommen. Viele möchten studieren. Die Einreise in die Bundesrepublik war zumindest für Nigerianer bislang einfach. Sie benötigten kein Visum, wenn sie studieren oder sich einer praktischen Ausbildung unterziehen wollten. Eine Arbeitserlaubnis erhielten sie allerdings nicht.