Von Adolf Metzner

Deutschlands Fußballhelden Beckenbauer und Netzer sollen sich beim Finale in Brüssel um die Europameisterschaft verabrecet haben, wenige Minuten vor Schluß den Ball möglichst nur noch auf einer Seite des Spielfeldes zu halten: Auf jenem Abschnitt des Platzes nämlich, der den Kabinen am nächsten lag. Der Grund für dieses eigenartige Verhalten hatte nichts mehr mit dem Spiel und seiner Taktik zu tun, sondern es ging ganz einfach um die besten Startplätze für einen Spurt, für den der Schlußpfiff das Signal war. Den Spurt in die Kabinen nämlich, womit man den deutschen Fans entgehen mußte, die ihren Idolen nicht nur die Trikots als Relicuien vom Leibe reißen, sondern sie auch ungeachtet einiger Rippenbrüche ans Herz drücken wollten.

Bei den bundesdeutschen Sportjournalisten hat das Betragen dieser sogenannten Fans einhellig scharfe Kritik ausgelöst. Hätte das Spiel nicht 3:0, sondern vielleicht nur 1:0 gestanden, wäre ein Protest der Sowjetrussen und eine Bestrafung durch den Europäischen Fußballverband wohl kaum ausgeblieben.

Unser Freund J. M.-M. (Josef Müller-Marein) will nun in solchem Siegestaumel (bis zur Körperverletzung) etwas typisch Deutsches sehen. Die Hybris der Maximalisten: Er empfahl deshalb auch das Stoßgebet für die Olympischen Spiele: „Unsere tägliche Niederlage gib uns heute.“ Wenn man an die olympischen Sportarten, die Leichtathletik und das Schwimmen denkt, braucht es keiner Stoßgebete. Die tägliche Niederlage ist bereits sicher. Dafür sorgen die Amerikaner, die Sowjetrussen und unsere Landsleute aus der DDR.

Aber tatsächlich haben andere große Fußballländer den gleichen Ärger mit den „Fans“, die wie eine losgelassene Meute auf den Platz stürmt und neuerdings sogar schon vor dem Schlußpfiff. Ein Phänomen, daß sich noch Schiedsrichter als duldende Helden auch diesem Mob immer wieder stellen. In Barcelona beim Endspiel um den Cup der europäischen Pokalsieger ging es noch viel schlimmer 211 als in Brüssel. Dort lieferten die schottischen Fanatiker der spanischen Polizei eine Massenprügelei. In England wurden schon vor Jahren Fußball-Sonderzüge demoliert. Man wird an die Fans bei großen Jazzkonzerten erinnert, wo populäre Solisten sich oft eine eigene Leibwache halten müssen, damit die Besessenen nicht das Podium stürmen. Sie schlagen dann oft das Gestühl kurz und klein.

Die Psychologen sagen uns, daß der Drang nach Identifizierung mit der eigenen Mannschaft die eigentliche Motivation sei und es „zum Überschäumen von Aggressionen in unkontrollierten Aktionen“ komme.

Was ist gegen diese Rowdys zu tun? Der Europäische Fußball verband versucht es mit drakonischen Strafen. Wie wir meinen, an die falsche Adresse. Erinnert sei nur an den Büchsenwurf in Mönchengladbach, der zu einer Wiederholung des mit 7:1 gegen Inter Mailand gewonnenen Spiels führte und letztlich zum Ausscheiden aus dem Kampf um den Europapokal der Landesmeister der Mannen um Günter Netzer. Dies Urteil war sicher viel zu hart, denn wie sollten die Gladbacher sich vor einem einzigen „Halbstarken“ in der Masse von über 30 000 Menschen schützen? Ob der Verein Glasgow Rangers, der nun vom Wettbewerb um die beiden europäischen Pokale zunächst für zwei Jahre gestrichen wurde, für die Schlacht ihrer Fans in einem fremden Land voll verantwortlich gemacht werden kann, muß doch sehr bezweifelt werden. Die Mehrzahl solcher Fans ist in der Regel gar kein Mitglied „ihres“ Vereins, ja, meistens spielen sie nicht einmal Fußball. Oft kommen sie schon angetrunken in die Stadien.