Wenn’s um die Beurteilung der ärztlichen Kunst und ihrer möglichen Fehler geht, tun sich unsere Gerichte schwer. Das zeigte sich wieder einmal im Fall des ehemaligen Kunstturners Jürgen Bischof. Sein Prozeß wurde in der letzten Woche vertagt, langwierige Verhandlungen bahnen sich an.

Worum geht es: Jürgen Bischof wurde im März 1969 wegen eines Achillessehnenrisses in einem Münchner Krankenhaus operiert. Ein momentaner Herzstillstand – Bischof erwachte erst nach Monaten wieder aus der Narkose – ließ ihn zu einem menschlichen Wrack werden, das sein Leben im Rollstuhl fristet, nicht mehr richtig sprechen kann, sich an nichts mehr erinnert. Ein Teil des Gehirns ist tot.

Bischofs Anwalt hat gegen den Anästhesisten jenes Krankenhauses Klage eingereicht. Es geht um Schmerzensgeld, um entstandene Unkosten für die Pflege Bischofs, um eine monatliche Rente. Denn Jürgen Bischof, einst Direktionsassistent, wird nie mehr arbeiten können. Bislang hat sich der Arzt im Verein mit seiner Haftpflichtversicherung erfolgreich gewehrt, etwas zu zahlen. Den Arzt traf während der Operation keine Schuld, er habe seiner ärztlichen Sorgfaltspflicht genügt, der Herzstillstand des Patienten gehe nicht auf sein Konto, heißt es.

Es ist fast unmöglich, einem Arzt einen Kunstfehler nachzuweisen. Viele langwierige Prozesse beweisen das – nicht zuletzt der Fall der kleinen Sophie Franke-Gricksch, deren hilfloser Zustand auf unerhörte Sorglosigkeiten während einer Mittelohroperation zurückzuführen ist. Das Mädchen ist heute blind. Seine Eltern kämpfen seit Jahren um Rente, Pflegekosten und Schmerzensgeld. (Wir berichteten über diesen Fall in ZEIT Nr. 42/1971.)

Es ist schier unverständlich, warum diesen auf dem Operationstisch Geschädigten nicht ohne Zögern geholfen wird. Warum man sie oder die sie Vertretenden unzähligen Demütigungen aussetzt, sie als Querulanten abstempelt, die partout nicht einsehen wollen, daß es halt höhere Gewalt gewesen sei, die die Operation so unglücklich verlaufen ließ.

Jürgen Bischof und seine Leidensgenossen sind arg im Nachteil. Während sie mühsam Gutachter suchen müssen, die ihren Zustand auf einen ärztlichen Kunstfehler zurückführen (und diese Gutachten kosten viel Geld), bieten die Versicherungen das Beste und Teuerste auf, was es auf dem Gutachter- und Anwaltsmarkt gibt. Sie wollen um jeden Preis die Haftung von ihrem Arzt abwenden, um den Versicherungsfall nicht eintreten zu lassen. Es geht eher ein Kamel durchs Nadelöhr, als daß Ärzte bekennen, auch sie können Fehler machen und einmal versagen.

Daß ein Pilot oder ein Lokführer einmal irrt, ist menschlich, doch die Götter in Weiß wollen noch immer unfehlbar sein – zumindest in Deutschland. In Amerika ist es längst anders. Dort ist es fast alltäglich, daß Ärzte auf Schadenersatz verklagt werden und ihre Versicherungen zahlen müssen; dort ist das Grundproblem längst versachlicht und wird nicht mehr persönlich genommen. Hier jedoch bedauern die Ärzte Bischofs Schicksal und das der kleinen Sophie in beredten Worten, verweisen sie aber zwecks weiterer Behandlung an die Öffentliche Wohlfahrt. Ihre Versicherungen bleiben verschont. v. K.