ARD, Sonntag, 9. Juli: „30 000 wollen nicht zum Bund“ von Lutz Lehmann

Es werden immer mehr. Zwischen 1956 und 1961, in einer Zeitspanne von fünf Jahren also, wurden insgesamt 14 947 Anträge auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer gestellt – 1970 stieg ihre Zahl sprunghaft auf 19 363, im vorigen Jahr auf 27 657. Die für 1972 erwarteten 30 000 Neinsager zur Demokratieverteidigung mit Waffengewalt sind gewiß noch nicht die obere Grenze.

Der Bericht dauerte eine gute halbe Stunde, aber diese fünfunddreißig Minuten reichten nahezu aus, um in einer spannenden tour d’horizon so ziemlich alle Probleme zu analysieren, die derzeit um die Wehrpflicht und die individuelle Gewissensnot kreisen: die Zwangslage der Wehrpflichtigen, die Rigorosität von Bürokratie und Militär, das Dilemma staatlicher „Gewissensprüfung“, der kollektive Protest der Verweigerer, der erschreckende Fatalismus der Rekrutierten auf der ersten Fahrt in die Kaserne: „Nützt ja alles nichts. Irgendwie kriegt uns der Bund ja doch.“

Beinahe behutsam, ohne die störende Aufdringlichkeit relativierender Kommentare (und gewiß deswegen ins Sonntagnachtprogramm abgedrängt) reihte Lutz Lehmann die Kreuzwegstationen der Kriegsdienstgegner aneinander. Am Ende dann die kafkaeske Situation auf der harten Bank im kahlen Amtsflur: das Gewissen auf dem Prüfstand des Staates, angeklagt ohne Schuld. Eine Atmosphäre zwischen Beichtstuhl und Bordell. („Wie war’s?“ – „Fürchterlich.“)

Und erst die Sprache! Wie rollentreu traf doch so mancher Satz ins Schwarze: „Dreiviertel sind Opportunisten und Drückeberger“ (Konteradmiral Jung); „der Auftrag der Verteidigung hat einen höheren Rang“ (Ex-Wehrbeauftragter Hoogen); „Grundrechte sind eine Schönwettergarantie“ (Gebhard Müller, Ex-BVG-Präsident).

Vielleicht hätte die leisere Stimme von Professor Carlo Schmid („Die Zahl der Kriegsdienstgegner ist kein Argument für eine Grundgesetzänderung“) zuletzt doch noch einer Verstärkung bedurft. Nämlich: Jede Aufregung über 30 000 Kriegsdienstgegner ist absurd – die Bundesrepublik hat sowieso zu viele Wehrdienstfähige pro Musterungsjahrgang. Und überdies: Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung hat als Grundrecht einen verfassungsrechtlich höheren Rang als das Wehrpflichtgesetz. Dies blieb unausgesprochen.

Am Ende aber stand die Frage: Wann ist endlich Schluß mit der staatlichen Gewissenserforschung? Oder sollte man vielleicht fragen: Warum unterliegt eigentlich die ahnungslose Bereitschaft zum Waffengebrauch nicht einer ebensolchen gewissenhaften Prüfung durch die Wehrersatzämter? Wer von einer Hausse an der Gewissensbörse spricht, sollte daran denken.