Von Hans Krieger

In mehrfacher Hinsicht erlangten Bronislaw Malinowskis anthropologische Forschungen Gewicht für den jungen Wilhelm Reich und seine sexualökonomische Theorie. In Malinowskis Buch „Sex and Repression in Savage Society“ fand Reich seine These bestätigt, daß Sexualunterdrückung für das neurotische Elend der Menschheit verantwortlich ist, und zugleich seinen Widerspruch gegen Freuds pessimistische Kulturtheorie, die Triebunterdrückung als den notwendigen Preis für kulturelle Höherentwicklung ausgab, mit ethnologischen Befunden gestützt. Denn die Einwohner der Trobriand-Inseln, die Malinowskis Studienobjekt waren, hatten bei nahezu schrankenloser sexueller freiheit für ihre Kinder und Jugendlichen ein vergleichsweise beachtliches Kulturniveau erreicht und kamen im Gegensatz zu Völkern mit gleichem Zivilisationsstand, aber streng sexualverneinender Moral ohne Sadismus und Gewaltverbrechen, ohne Zwangsneurosen und Psychosen und ohne sexuelle Dissozialität aus.

Nicht minder wichtig war für den Psychoanalytiker Reich, daß Malinowskis Funde die zentrale Bedeutung der Ödipussituation und des Kastrationskomplexes als der (laut Freud) psychischen Urkonflikte schlechthin beträchtlich relativierten. Die auf den andersgeschlechtlichen Elternteil gerichteten sexuellen Wünsche des Kleinkindes erlangten ihren pathogenen Konfliktcharakter offenbar erst in einer patriarchalischen Kultur, deren Ehe- und Familienorganisation eine strenge Tabuierung der frühkindlichen Sexualität erzwang, und hier erst konnte sich auch ein Kastrationskomplex; herausbilden. Damit war der Weg frei, die Neurosenentstehung nicht aus einem biologisch unausweichlichen Konflikt zwischen unvereinbaren Triebwünschen abzuleiten, sondern aus einem Konflikt zwischen. Triebanspruch und gesellschaftlichen Realität. Die Konsequenz (von den meisten Psychoanalytikern bis heute kaum gezogen) mußte eine Abkehr von den Omnipotenz-Phantasien der Psychoanalyse sein, die Gesellschaftliches psychologisierte; gesellschaftliche Tatbestände mußten in die Diskussion des Neuroseproblems einbezogen und nicht mehr triebpsychologisch gedeutet, sondern mit eigenständigen sozialwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Auch dies war eine Bestätigung für Reich, der seit 1927 soziologische (und politische) Orientierung bei Marx und Engels suchte.

Schließlich: Malinowskis Forschungen eröffneten einen Weg, die jahrtausendealte Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse, die nach Reichs Auffassung so grenzenloses Elend über die Menschheit gebracht hatte, zu ihren historischen Ursprüngen zurückzuverfolgen und damit in ihrer gesellschaftlichen und, wie sich alsbald zeigte, wirtschaftlichen Funktion zu ergründen. Denn Malinowskis Trobriander befanden sich in einem aufschlußreichen Stadium des Übergangs. Mitten in einer matrilinearen Organisation der Gesellschaft regten sich bereits kräftige Keime eines künftigen Patriarchats, und neben der paradiesischen Freiheit, mit der die meisten Kinder sich ihren sexuellen Spielen (noch?) hingeben durften, standen (schon?) strenge Moralvorschriften für jene Kinder, die für gewisse ökonomisch gewinnträchtige Heiraten ausersehen waren.

Dies ist die Grundlage von Wilhelm Reichs Buch „Der Einbruch der Sexualmoral“, das 1932 erstmals publiziert wurde und 1935, erweitert um eine fulminante Polemik gegen Geza Roheim, in zweiter Auflage erschien. An Malinowskis Material ließ sich die These verifizieren, daß sexualverneinende Moral das Instrument patriarchalischer Herrschaft und mit dem Privateigentum eng verknüpft ist: Die Unterdrückung der kindlichen und jugendlichen Sexualität steht im Dienste der Eheorganisation, und diese wiederum ist nicht zu verstehen ohne die mit ihr verflochtenen wirtschaftlichen Interessen. Angelpunkt einer ungemein scharfsinnigen Analyse ist dabei das Heiratsgut als eine Vorform der Warenwirtschaft, das bei dem ausgeklügelten System der „Kreuz-Vetter-Basen-Heirat“ an den Häuptlingsclan zurückfließt und so zur Basis einseitiger Konzentration von Besitz und Macht wird. Nicht Kulturnotwendigkeiten diktierten also den Übergang von einem postulierten Urzustand sexualökonomischer Selbstregulierung zur Zwangsordnung einer triebfeindlichen Moral, sondern sozioökonomische Herrschaftsinteressen. Der Rückschluß auf die herrschaftsstabilisierende Funktion der Sexualmoral in der kapitalistischen Gesellschaft fiel dem (damaligen) Marxisten Reich nicht schwer.

Der „Einbruch der Sexualmoral“ ist ein Geniestreich des jungen Reich. Dieses Buch gehört zu den großen klassischen Werken der Anthropologie, so anfechtbar die Ergebnisse im einzelnen bleiben mögen. Als Exkursion eines Psychoanalytikers in die Gefilde der Ethnologie bildet es das Gegenstück zu Freuds „Totem und Tabu“, dessen mythologische Konstruktion vom Urvatermord es mit brillanten Argumenten widerlegt, Während aber „Totem und Tabu“ trotz seines rein spekulativen Charakters und trotz seiner inneren Widersprüche noch immer einen bedeutenden Platz in der psychoanalytischen Theoriediskussion behauptet, blieb Reichs „Einbruch der Sexualmoral“ ein verschollenes Buch, bis die antiautoritäre Studentenbewegung es in ihrer sexualpolitisch orientierten Phase wiederentdeckte und in Raubdrucken verbreitete. Jetzt liegt eine reguläre Neuausgabe vor –

Wilhelm Reich: „Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 204 Seiten, 16,– DM.