Von Klaus-Peter Schmid

Karl Klasen, Präsident der Deutschen Bundesbank und neuerdings Intimfeind von Karl Schiller, versuchte sein Glück mit demonstrativem Optimismus. Als er im Bundeskabinett für eine Beschränkung des freien Kapitalverkehrs plädierte, riskierte er eine gewagte Prognose: Der Devisenmarkt, so Klasen, werde mindestens vier Monate lang Ruhe vor den unerwünschten Spekulanten haben.

Am 1. Juli traten die Verordnungen in Kraft, die das Bardepot verschärften und den Erwerb festverzinslicher Wertpapiere inländischer Emittenten durch Ausländer erschwerte. Doch der Test mit dem berühmt-berüchtigten Paragraphen 23 des Außenwirtschaftsgesetzes brachte keine eindeutigen Ergebnisse: Die erste Woche "Mini-Dirigismus" bescherte den Währungshütern zunächst einen schwachen Dollar, unruhige Devisen- und Wertpapierbörsen – und eine anhaltende Verschuldung der Unternehmen im Ausland. Die zweite Wochenhälfte brachte mehr Ruhe – und damit Hoffnung auf einen ruhigen Sommer.

Hundertprozentige Marktwirtschaftler ernannten den 29. Juni, an dem sich das Kabinett zur Sünde wider den freien Kapitalverkehr durchrang, zum schwarzen Donnerstag des Liberalismus. Und die ersten Julitage schienen den Kritikern rechtzugeben, die diese Sünde als nutzlos geißelten. Denn am Abend des 4. Juli hatte die Bundesbank bereits rund 2,5 Milliarden Mark ausgegeben, um den Kurs des ungeliebten Dollars wenigstens am unteren Interventionspunkt aufzufangen.

Damit war bereits ein Drittel des Betrages wieder in den Geldkreislauf geflossen, den die Zentralbank durch die Erhöhung der Mindestreserven zum Monatsbeginn abgeschöpft hatte. Die Spekulation war also keineswegs tot – trotz verschärften Bardepots und trotz Beschränkung des Kapitalverkehrs. Diese Zahlen mußten erschrecken. Denn in der Zeit von Januar bis Mai 1972 waren die Devisenreserven der Bundesbank insgesamt um 4,8 Milliarden Mark angestiegen, nun lag die Zunahme der Reserven nach nur drei Tagen bereits bei 2,5 Milliarden!

Trotz optimistischer Wettervorhersage schien sich eine stürmische Woche anzukündigen. Der Dollar hielt sich am unteren Interventionspunkt, das englische Pfund erreichte zeitweise einen Abwertungssatz gegenüber der Mark von über neun Prozent. Dabei hatten die Maßnahmen von Regierung und Währungsbank den Spekulanten den Garaus machen wollen.

Doch die Bundesbank wußte wohl, daß sie mit ihren Maßnahmen dem Dollar nicht alle Wege in die Bundesrepublik versperrt hatte. "Wir tun alles; um die großen Löcher zu stopfen", versichert Johannes Tüngeler, der Devisenfachmann im Bundesbankdirektorium. Und das größte Loch war nach Überzeugung der Frankfurter Währungshüter eben der Erwerb festverzinslicher Wertpapiere.