Die Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW), an der die Hansestadt Hamburg mit über 75 Prozent beteiligt ist, wirbt um neues Kapital. Es soll um nominal 62,9 Millionen Mark erhöht werden. Als Termin für die Bezugsfrist ist die erste Novemberhälfte vorgesehen. Der Bezugskurs für die jungen Aktien soll etwa in der Gegend des halben Börsenkurses (140 Mark) liegen und den Bilanzkurs (157 Mark) nicht wesentlich verschlechtern. Es ist anzunehmen, daß der Preis für die jungen Aktien etwa 150 Mark je 100-Mark-Aktie betragen wird.

Auch wenn letztlich der freie Kapitalmarkt mit einem Betrag in Anspruch genommen wird, der unter 25 Millionen Mark liegt, nimmt der Vorstand die Kapitalerhöhung sehr ernst. Er möchte, daß die Transaktion ein Erfolg wird (nicht zuletzt wegen der HEW-Belegschaftsaktionäre, die Freude an „anständigen“ Kursen haben). Mit dem erhofften Erfolg möchte die Verwaltung dann auch das schlechte Image beseitigen, das der HEW durch politische Eingriffe des Großaktionärs zugewachsen ist. Dazu gehören die Zuwahl zweier Belegschaftsvertreter in den Aufsichtsrat als reguläre Aktionärsvertreter (als Verbeugung vor den Gewerkschaften) sowie die Tatsache, daß bei den HEW offenbar Tariferhöhungen nicht durchzuführen sind, ohne nicht gleichzeitig die Ausschüttungen an die Aktionäre zu kürzen. „In diesem Zusammenhang aber von der ‚roten HEW-Aktie‘ zu sprechen oder zu behaupten, die HEW leiden etwas unter der Machtergreifung eines gewerkschaftsnahen Aufsichtsrates, geht an den Tatsachen vorüber“, meinte auf der Hauptversammlung das Vorstandsmitglied Dr. Meister.

Der Kurssturz der HEW-Aktie im vergangenen Jahr von 360 auf 253 Mark, eine Reaktion auf die „Umbesetzung“ des Aufsichtsrates und auf die damals schon angekündigte Ausschüttungskürzung, ist dem Vorstand unter die Haut gegangen. Er sieht den erheblichen Kapitalbedarf der nächtsen Jahre, den er – soweit es sich um Aktienemissionen handelt – natürlich zu möglichst guten Kursen befriedigen möchte. Ihm ist an einer Verstimmung der Aktionäre also nicht gelegen.

Offenbar ist es dem Vorstand inzwischen gelungen, den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg davon zu überzeugen, daß es letztlich teuer wird, wenn man die Kapitalanleger durch politische Manipulationen verprellt. „Großaktionär und Vorstand sind sich darin einig“, so beruhigte Dr. Meister die skeptischen Aktionäre, „daß eine sichere, preiswerte und ausreichende Stromversorgung für das weitere Wachstum der Wirtschaft der Hansestadt Hamburg die unabdingbare Voraussetzung ist, daß ferner eine ausreichende Finanzkraft der Gesellschaft erforderlich ist, die nur durch kostendeckende Preise und Tarife gewonnen und erhalten werden kann. Beide sind sich aber auch darin einig, daß eine angemessene Dividende erwirtschaftet werden muß. Eine Dividende von 13 Prozent stellt zweifellos die heute noch vertretbare Untergrenze dar.“

Das ist in der Gegenwart, da von Null- und Sozialtarifen bei öffentlichen Unternehmen geredet wird, sicherlich ein mutiges Bekenntnis. Wichtig ist, daß es vom SPD/FDP-Senat in Hamburg gestützt wird. Und noch etwas ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, meine verehrten Leser: Nach dem Konzessionsvertrag besitzt die Stadt Hamburg das Recht, das Vermögen der HEW – frühestens ab 30. Juni 1980 gegen Zahlung der 20fachen Durchschnittsdividende der vorangegangenen zehn Jahre zu übernehmen. Legt man als Durchschnittsdividende 13 Prozent zugrunde, so kommt man per 1980 auf eine Abfindung der freien Aktionäre auf 260 Mark bei einem gegenwärtigen Kurs von 283 Mark. Der Reiz, sich langfristig in HEW-Aktien zu engagieren, konnte deshalb nicht mehr sonderlich groß sein. Daher hat der Senat jetzt erklären lassen, er verzichte auf das „Heimfallsrecht“ bis zum 30. Juni 2000. Damit hat es für die Kapitaldispositionen keine Auswirkungen mehr.

Sehen wir uns nun die wirtschaftliche Zukunft der Gesellschaft an. Was haben die Aktionäre zu erwarten? Mit Sicherheit wieder eine Dividende von 13 Prozent, wobei die jungen Aktien ab 1. Oktober 1972 dividendenberechtigt sind. Die daraus resultierende Mehrbelastung kann die Gesellschaft ohne Schwierigkeiten aufbringen. Das neue Geschäftsjahr verlief bisher über Erwarten gut.

Der Strom- und Fernwärmeabsatz stieg überdurchschnittlich an, in den ersten fünf Monaten 1972 um 13,3 Prozent beziehungsweise 11,4 Prozent. Daran hat auch der relativ kühle Frühling und Sommer in Norddeutschland seinen belebenden Anteil. Wenn man nun bedenkt, daß die Stromtarife seit dem 1. Januar 1972 um 14 Prozent angehoben worden sind, so läßt sich unschwer ausrechnen, daß die Einnahmen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um mindestens 16 Prozent gegenüber der Vergleichszeit des Vorjahres gestiegen sein müssen, eine Zahl, die der Vorstand auf der Hauptversammlung offenbar aus politischer Rücksichtnahme nicht nennen wollte. Taktvollerweise hat danach auch kein Aktionär gefragt.