London bricht das alte Konzertschema

Von Karl-Heinz Wocker

Bei der Fülle des Musikangebots in den Wochenendvorschauen der Londoner Zeitungen ist schon manche Wahl zur Qual geworden. Den eigentlichen Reichtum dessen aber, was die europäische Musikhauptstadt bietet, ermißt man erst, wenn man alle normalen Konzerte der etablierten Orchester und Ensembles in den drei regulären Sälen südlich der Themse einmal beiseite läßt. Man ist dann nämlich noch lange nicht im Obskuren oder im Untergrund, wohl aber etwas außerhalb des Rampenlichts und in einer Gegenströmung, die von Jahr zu Jahr stärker wird und längst Kräfte aus dem Konsumbetrieb erfaßt hat. Sehen wir also im folgenden ab von der Annahme, daß Opern in Covent Garden oder Sadler’s Wells und Konzerte in der Festival Hall stattfinden müssen, beides in den Abendstunden, ausgeführt von den dazu rühmlich Bestellten.

In einer Neunmillionenstadt beginnt das Ärgernis eines Musikgenusses mit dem Zeitfaktor. Was macht man zwischen Büroschluß und Konzertbeginn? Zwei bis drei Stunden gehen verloren, denn zur Heimfahrt in den Vorort und zurück reicht es bei vielen nicht. Mittags dagegen vertrödelt man den größten Teil der Arbeitspause mit Kollegentratsch und Kreuzworträtsel,

Gleich zwei Gelegenheiten haben sich deshalb aufgetan, um die Tageshälfte sinnvoller zu markieren. An mehreren Tagen in der Woche finden in der Kirche von St. Martin-in-the-Fields Matineen statt, Kammermusik zumeist, von fünf nach eins bis um zwei. Zuspätkommen und Zufrühgehen ist gestattet, die Preise sind nicht nennenswert. Manch ein gelangweilter Trafalgar-Square-Hocker, ob langhaariger Drop-out oder fußmüder Tourist, ist da schon erlöst worden.

Die Sitte wurde inzwischen von der BBC künstlerisch verfeinert. In der Kirche von St. John’s mitten auf dem Smith Square musizieren mittags Künstler von ungleich höherem Rang, Rampal oder das Amadeus Quartett und das beste vom begabten Nachwuchs. Die Konzerte, wiederum kurz und preiswert, werden – zumeist live – übertragen, was die Honorarbasis günstig beeinflußt.

Der Smith Square nun ist so ziemlich das Unprätentiöseste an Gegend, was sich in London denken läßt: Ihn umgeben das Parteihauptquartier der Konservativen und ein Gewerkschaftsgebäude, das bislang der Labour Party vermietet war, die aber nun den Brüdern zur Sonne und Freiheit nicht länger Wucherpreise zahlen will. Mitten auf dem Platz steht, viertürmig und nach schwerstem Kriegsschaden endlich restauriert, Thomas Archers Kirche, Baujahr 1728. Nicholas Pevsner, der Zuwanderer, der mehr über Englands Architektur weiß als alle Engländer zusammen, schrieb über dieses Juwel: „Die Viktorianer liebten die Kirche nicht, und ihre geistigen Nachfahren in unserem Jahrhundert lieben sie auch nicht.“ Das ändert sich nun, seit sie Musentenpel all derer ist, die der täglichen Sandwichstunde nicht mehr mit dem Kloß der Langeweile in der Kehle entgegensehen müssen. St. John’s liegt ein paar Minuten vom Parlament entfernt, das die meisten Touristen ohnehin nicht von innen zu sehen bekommen.