Von Josef Müller-Marein

Paris, im Juli

Die Situation hatte etwas Groteskes: Bevor das französische Volk noch erfuhr, daß Jacques Chaban-Delmas die längste Zeit Premierminister gewesen war, wurde Bundeskanzler Brandt in Bonn von seinem höflichen Gast Pompidou darüber ins Bild gesetzt. Aber in der Öffentlichkeit parlierten alle Regierungsmitglieder noch miteinander, als ob nichts passiert wäre oder passieren könnte. Dabei waren schon zwei Stühle vor die Tür gesetzt: der Stuhl des deutschen Wirtschaftsministers Karl Schiller und der des französischen Premiers.

Wer stets gespottet hatte, zum Regieren gehöre auch eine Portion Schauspielerei, der wurde jetzt in seiner Ansicht bestätigt. Aber echt war die Enttäuschung, als in Frankreich die Wahrheit an den Tag kam – eine überraschende Wahrheit, obwohl lange gemunkelt worden war, daß der Premier nicht mehr in der Gunst des Staatspräsidenten stünde. Der schlagfertige Chaban-Delmas hatte viele Sympathien im Volk, zumal bei den Wählern, die immer erst im letzten Moment überlegen, ob und wen sie wählen wollen. Und das kann für Pompidou noch einmal unangenehm werden, wenn es im März des nächsten Jahres um ein neues Parlament geht.

Niemals sind Rücktritt, Angebot und Annahme so knapp formuliert worden. Die Amtsübergabe an den neuen Premierminister Pierre Messmer ging dann zwar ebenfalls kurz, aber doch mit viel Herzlichkeit vonstatten. „Mein lieber Pierre“, sagte Chaban-Delmas. Es war das „Mach’s gut“ unter Kameraden. Die Szene war echt; das war spürbar und wirkte auf viele Bürger rührend. Ab nach dem schönen Bordeaux, dessen Bürgermeister Chaban-Delmas auch während seiner drei Regierungsjahre wohlweislich geblieben ist.

Im Matignon-Palais hat nun also ein strengerer Herr das Heft in die Hand genommen, ein Mann, der weniger Phantasie besitzt und weniger die Phantasie anregt: der tüchtige, korrekte, robuste, blauäugige, aus elsässischer Familie stammende Pierre Messmer, der dem General de Gaulle über dessen Tod hinaus die Treue dadurch bezeigte, daß er einen Freundschaftsbund „Gegenwart und Aktion des Gaullismus“ gründete. Jüngst, als das riesige lothringische Kreuz aus Granit bei Colombey-les-deux-Eglises eingeweiht wurde, hatte Madame de Gaulle die Hand von Chaban-Delmas länger als üblich gehalten: „Sie wissen, der General hat Sie geliebt.“ Aber aus gleichem Anlaß wurde vermerkt, daß Messmer zu den wenigen gehört, die der General nach seiner Abdankung daheim empfangen hat. Pompidou, der am Mahnmal seinen großen gaullistischen Schwur ablegte, hatte nicht dazugehört.

Aber das ist natürlich nicht der eigentliche Grund, warum Chaban-Delmas hat gehen und Messmer hat kommen müssen. Pompidou hatte im Ministerrat auf die Wahlen im nächsten Frühjahr verwiesen und auf die Aufgabe gedeutet, denen eine „ermüdete, verschlissene Regierung“ nur schwerlich gewachsen sei. Dann aber, als sich herausstellte, daß die großen Ämter wie Auswärtiges, Wirtschaft, Verteidigung, Justiz ihre alten Minister behalten sollten und daß die Zahl der Regierungsmitglieder inklusive der Staatssekretäre von 40 auf 30 verringert würde, blieb der edle Vorwurf, sich mit dem Dienst am Staate kaputtgemacht zu haben, mehr oder weniger auf Chaban-Delmas beschränkt.