Von Dieter Buhl

Miami Beach, im Juli

Die Einwohner von Miami Beach hatten in den letzten Tagen Anlaß zur Klage. Vor allem die vielen alten Leute, die in dieser Idylle aus Beton, Kitsch und Palmen ihren Urlaub oder Lebensabend verbringen, beschwerten sich. Denn über ihren Köpfen kreisten fast pausenlos die Hubschrauber der amerikanischen Armee – eine Sicherheitsmaßnahme, die auf Anweisung des Gouverneurs von Florida und des US-Justizministeriums ’ergriffen worden war. In und um diesen alptraumartigen Vergnügungsort, der der Phantasie eines Aldous Huxley entsprungen sein könnte, ‚standen außerdem über zehntausend Polizisten, Nationalgardisten, Fallschirmjäger und Marinesoldaten in Bereitschaft, um ein zweites Chicago zu verhindern.

Doch eine Wiederholung der blutigen Auseinandersetzungen, die vor vier Jahren den Parteitag der Demokraten in der Millionenstadt im Norden fast gesprengt hatten, war unter der gleißenden Sonne Floridas nicht zu befürchten. Die Schar der Demonstranten, die sich in Miami versammelte, imponierte eher durch Extravaganz als durch Zielstrebigkeit oder Zahl. In dem großen Park, den ihnen die Stadtverwaltung von Miami Beach als Lagerplatz angeboten hatte, verloren sich die Yippies, Hippies und Zippies. Die Sänger des Protestes, der Anarchie und der Absage an das politische System Amerikas blieben ohne Echo, auch wenn sie sich noch so lautstark gebärdeten.

Der Krieg fand diesmal im Saale statt. – in den Zimmern und Vestibülen der Luxushotels und in der Parteitagshalle. Vor vier Jahren in Chicago hatten die Gegner – des Vietnamkrieges und die Schwarzen in ohnmächtiger Wut die Türen der Convention Hall berannt. Diesmal ging es friedlicher zu. Und welch ein Kontrast auch zwischen den Delegierten, den jungen, intelligenten oder verhärmten Gesichtern, und dem Plüsch und Plunder der neoklassizistischen Hotelmaschinen. Nur wenige Kilometer von dieser Illusion des Reichtums entfernt freilich offenbarte sich ein Stück amerikanischer Wirklichkeit: Tausende von alten Menschen, die unversorgt und ohne Sicherheit in heruntergekommenen Hotels einsam und in kollektiver Monotonie das Gnadenbrot ihrer Verwandten verzehren. Es war dieses Amerika der Armut und Hoffnungslosigkeit, das die demokratische Partei dazu bewog, eine neue Politik einzuleiten und progressive Ideen zu verkünden.

Die Ouvertüre dieses Parteitages wurde freilich nach der alten Melodie gespielt. Die Präsidentschafts-Aspiranten, so zahlreich wie selten zuvor, konzentrierten sich auf den gewohnten Schaukampf um die Stimmen. Am aktivsten gebärdete sich dabei die "Stopp-McGovern-Bewegung", jene unorthodoxe Allianz zwischen dem altliberalen Hubert Humphrey, dem gemächlichen Edmund Muskie, dem radikalen George Wallace, der aggressiven Negerin Shirley Chisholm und anderen Prätendenten.

Doch trotz aller Pressekonferenzen und Fernsehinterviews, trotz allen Händeschüttelns und Schulterklopfens der Mitglieder dieser ungewöhnlichen Koalition – der Star von Miami Beach war George McGovern. Der Senator aus dem Bundesstaat Süddakota war das Symbol der neuen demokratischen Partei. Er war das Idol all derer, die den Parteitag zu einem Fanal der Veränderungen machen wollten, die danach in den Kampf gegen Armut und Unwissenheit, gegen Rassismus und den Vietnamkrieg ziehen wollen. Mit der Selbstsicherheit des Siegreichen machte sich McGovern rar in dem politischen Spektakel am Strand von Florida.