Von Konrad H. Jarausch

Bratwurst – Beethoven – BMW: dieser symbolische Dreiklang bestimmt das populäre Deutschlandbild in den Vereinigten Staaten. „Der Deutsche“, wie ihn die Amerikaner sich vorstellen, kann vielerlei Gestalt annehmen: vom guten alten dutchman (d. h. Pennsylvania-Dutch, nicht German) bis zum dämonisch-aggressiven „Nazi-German“. Da längst die Kommunisten – ob rot oder gelb – die Faschisten als Hauptfeind abgelöst haben, werden Schimpfnamen wie Kraut, Hun, Fritz und Gerry nicht mehr sehr häufig gebraucht. Aber das volkstümliche Image des Deutschen lebt doch noch von einer Reihe vereinfachender Gegensatzpaare wie „militärisch-friedlich“, „ordnungsliebend-individualistisch“, „tierfreundlich-gewalttätig“, „arrogant-unterwürfig“, „erfinderisch-nachahmerisch“, „idealistisch-materialistisch“, usw., die eine große Unsicherheit des Urteils verraten.

Diese Gespaltenheit spiegelt? sich wider in den Darstellungen der Massenmedien: (Film: Curt Jürgens als U-Boot-Kommandant; Fernsehen: Arte Johnson als schwejkhafter Soldat; Presse: Time-Life-Bilderbücher). Auch im persönlichen Kontakt oder in Geschäftsbeziehungen, bei Soldaten und Touristen wird diese Zwiespältigkeit nur selten überwunden, obwohl die Deutsch-Amerikaner als respektable Bürger assimiliert und auf ihre Abstammung durchaus stolz sind. Respekt für die Werke deutscher Kultur, Anerkennung der wirtschaftlichen Leistungen fließen zusammen mit der Furcht vor dem preußischen Militarismus und dem Unbehagen über den Hang zum Autoritären.

Besonders bei den Intellektuellen zeigt sich diese aus Abscheu und Bewunderung gemischte Faszination des Deutschen schlechthin, wie schon die Formulierung „the German problem“ verrät. Seit dem Ersten Weltkrieg versucht ein ganzer Literaturzweig die „unheimlichen Deutschen“ zu deuten. Schon 1913 unterschied Price Collier zwischen der deutschen Kultur als Freund und der deutschen Macht als Feind und behauptete, daß die Amerikaner von beiden viel lernen könnten. Dieses Paradox hat sich unter dem Einfluß jüdischer Emigranten zu einer Art Haßliebe ausgewachsen. Ohnehin sind in den Weltkriegen viele noch bestehende kulturelle und persönliche Verbindungen abgerissen, die deutsche Kolonie wurde physisch und psychologisch zerstört. Vor allem seit dem Schock von Auschwitz hat das geistige Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika einen Bruch.

Die wichtigste Gruppe, die sich systematisch bemüht, die verschütteten Stollen wieder zu öffnen und das gegenseitige Verständnis zu vergrößern, sind die akademischen Deutschlandspezialisten in den Vereinigten Staaten. Man sollte zwar den Einfluß verwandtschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehungen und der offiziellen Kulturpolitik nicht unterschätzen; aber die Deutschlandforscher in Amerika – nirgendwo außerhalb des deutschen Sprachraums gibt es ihrer so viele – bestimmen weitgehend Ton und Grenzen der allgemeinen Diskussion, auch wenn sie mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Sie finden sich in vielen Fachschaften verstreut, die sachlich, aber nicht geographisch gegliedert sind: mehr in den Geisteswissenschaften wie Musik, Kunstgeschichte und Philosophie, weniger in den Sozialwissenschaften wie Soziologie und Ökonomie. Die Politologen haben vor einigen Jahren eine eigene Organisation (die Conference Group for German Politics) gegründet; aber trotz einiger erfolgreicher Konferenzen blieb ihre Mitgliederzahl begrenzt; an vielen größeren Universitäten ist sie überhaupt nicht vertreten.

Misere der Germanistik

Unmittelbar mit dem Schicksal der deutschamerikanischen Beziehungen.war immer die Germanistik verknüpft. Aber so aufgeblüht wie zu Anfang dieses Jahrhunderts, als Deutsch in weiten Kreisen erste Fremdsprache war und in einigen Gebieten, wie in St.-Louis, sogar in der Volksschule unterrichtet wurde, ist sie nach dem Ersten Weltkrieg nie wieder. Lehrer- und Professorenverbände, Fachzeitschriften wie Germanic Review und popularisierende Journale wie American German Review konnten in den zwanziger Jahren nur langsam einen Teil des verlorenen Terrains wiedergewinnen. Als durch den McCarran-Walter-Act die Einwanderung aus Mitteleuropa gedrosselt wurde, vertrocknete der menschliche Zustrom, ohne den solche Einrichtungen wie deutsche Kirchen und deutsche Kinos auf dieDauer dem Untergang geweiht waren.