Von Wolfram Siebeck

Die Optimisten, die sich für jedes Umweltproblem eine Lösung durch menschliche Genialität erhoffen, scheinen recht zu behalten. Wahrhaft genial hat sich nämlich der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands gezeigt. Er verrät uns motorisierten Urlaubern, wie man auf dem gesündesten Weg in den Urlaub fährt: nämlich nachts. Konzentration und Sehstärke, so prophezeien die Ärzte, lassen bei Nachtfahrten in den ersten drei Stunden kaum nach.

Die Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn zwei Millionen Autos mit sechs Millionen Urlaubern von den Autobahnen verschwinden, sind faszinierend. Zugegeben, ganz verschwunden werden sie nicht sein. Die Lastwagenfahrer, die nachts die rechte Fahrspur der Autobahn beanspruchen, werden sie zu sehen kriegen. Aber wir, die wir tagsüber fahren, weil unser Hotel darauf eingerichtet ist, die müden Gäste am Abend zu empfangen und nicht am frühen Vormittag, wir müssen anerkennen: Das was die beste Idee, die ein Arzt seit der Erfindung der Privatpraxis je hatte!

Vor allem aber die logischen Konsequenzen dieser Anregung haben es uns angetan: Wenn unsere Massenurlauber schon nachts fahren, warum sollen sie nicht auch nachts schwimmen? Wer die überfüllten Badestrände der Nordsee und des Mittelmeeres kennt, wird dieser Forderung zustimmen. Vom ärztlichen Standpunkt aus gesehen, gibt es sicher nichts Gesünderes als ein Bad im Mondschein. Ihm kann man sich mit ungeschützter Haut ungleich länger aussetzen als der gefährlichen Sonne. Außerdem kann man im Dunkeln den Grad der Wasserverschmutzung nicht erkennen, der im hellen Tageslicht manchen pingeligen Badegast vom Sprung ins Meer abhalten könnte. Vorteile über Vorteile also!

Doch nicht nur Ferienfreuden wie Sport und Spiel können sich nachts abspielen, sondern auch der Bildungsteil einer Urlaubsreise. Nehmen wir als Beispiel einen Museumsbesuch. Ein Gang durch den Louvre in Paris, bei nur allerflüchtigsten Besichtigung der ausgestellten Kunstwerke, dauert mindestens zweieinhalb Stunden. Doch schon nach 30 Minuten läßt in einem Museum die Konzentration nach, nach 40 Minuten ist die Sehfähigkeit zum Teufel. Die Knie versagen nach 50 Minuten ihren Dienst, und spätestens nach einer Stunde schwellen die Füße an.

Alle diese höchst gesundheitsschädlichen Begleiterscheinungen bei einem Museumsbesuch entfallen, wenn der Urlauber die Nacht für seine Bildung wählt. Nachts sind die Museen nämlich geschlossen.

Die letzte Konsequenz der ärztlichen Empfehlung aber scheint mir mit dem Ei des Kolumbus vergleichbar zu sein. Konsequent wäre es nämlich, wenn der Urlauber seinen Urlaub nur des Nachts stattfinden ließe. Das heißt, tagsüber konzentriert er seine Kräfte auf die gewinnbringende Beschäftigung am Arbeitsplatz und nachts macht er Urlaub.