Der Bundesvorstand der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) scheint sich seine Antwort auf ein Fusionsangebot mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) bei Oppositionsführer Rainer Barzel abgeguckt zu haben: So nicht!

Die DAG parierte damit einen Vorschlag, den der Chef der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), Heinz Kluncker, vor sechs Wochen in Berlin gemacht hatte. Kluncker regte an, neben seiner Gewerkschaft für den öffentlichen Dienstleistungsbereich innerhalb des DGB eine Gewerkschaft für den privaten Dienstleistungsbereich zu etablieren, deren Kern die DAG sein könnte. Da die DAG dabei Federn lassen müßte, werden diese Vorstellungen von ihrem Bundesvorstand jedoch „entschieden abgelehnt“.

Vor fast genau 24 Jahren war es über eine ähnliche Frage zum Bruch zwischen dem DGB und der DAG gekommen, die bis dahin unter dem Dach des Einheits-Gewerkschaftsbundes gearbeitet hatte. Die Delegierten des Außerordentlichen DGB-Kongresses der britischen Besatzungszone verwarfen im Juni 1948 in Recklinghausen das Hamburger Konzept, wonach die Arbeiter in den einzelnen Industriegewerkschaften, alle Angestellten dagegen in der DAG organisiert sein sollten.

Die Delegierten erhoben vielmehr das Prinzip der Industriegewerkschaft – „ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ – zum Dogma und verwarfen auch eine Kompromißformel, die den Angestellten innerhalb des DGB eine Wahl zwischen Industriegewerkschaft und DAG offen halten sollte. Brüskiert verließ die DAG den DGB.

Glücklich geworden ist keine der beiden Organisationen mit dieser Entwicklung. Die DAG hoffte wohl, an die Tradition des Handlungsgehilfenverbandes und anderer Angestelltenorganisationen der Weimarer Zeit anknüpfen zu können, in denen damals etwa 40 Prozent der Angestellten organisiert waren. Doch auch in ihren besten Zeiten konnte sie kaum mehr als zehn Prozent der Angestellten zu ihren Mitgliedern zählen. Einschließlich des DGB ist heute nur jeder fünfte Angestellte Gewerkschaftsmitglied.

Es hat lange gedauert, bis die DGB-Gewerkschaften die Angestellten entdeckten und umwarben. Doch jetzt konnte Kluncker mit Stolz sagen, daß „die Mitgliederzahlen der DAG stagnieren ... während die Angestellten-Mitgliederzahlen der Gewerkschaften des DGB ständig steigen“. Mit knapp einer Million sind im DGB rund doppelt so viel Angestellte organisiert wie in der DAG.

Inzwischen hatte sich in der Arbeitnehmerschaft ein tiefgreifender Strukturwandel vollzogen. Der sozial- und arbeitsrechtliche Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten ist weitgehend aufgehoben. Das Heer der Angestellten wächst ständig. Mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmer hat heute Angestelltenstatus; vor zwanzig Jahren war es erst ein Viertel.