Von Marianne Kesting

Die Familie, einst vielgerühmter Hort der Ehegatten und des Kindes, entpuppte sich im Drama der Jahrhundertwende als ein psychisches Schlachtfeld. In ihre stickigen Zimmer eingesperrt, begannen die Figuren Ibsens und Strindbergs einander zu terrorisieren und zu zerstören. Gab Ibsen für solch erschreckende Vorgänge noch fadenscheinige Motive an wie „Milieu“ und „Vererbung“ oder die öffentliche Reputation, so lieferten sich bei Strindberg die Figuren ihre Gefechte ohne Grund, oder sie motivierten sie nach Laune, oder sie fühlten sich von undurchschaubaren Mächten gelenkt und getrieben.

Die „Mächte“ indes erwiesen sich als sozial und psychisch durchschaubar. Der einzelne geriet unter dem wachsenden Druck der Konkurrenz- und Industriegesellschaft mit der traditionell hierarchischen Familienstruktur in einen Konflikt, der auf dem psychischen Sektor ausgetragen wurde. Strindberg und Freud, beide Schüler des großen Arztes und Psychologen Charcot in Paris, suchten die weiteren Untergründe der psychischen Kämpfe zu durchdringen, der eine in der Darstellung, der andere durch die wissenschaftliche Analyse. Freuds Erkenntnisse aber wirkten wiederum auf die Darstellung zurück. Eliot und O’Neill formulierten ihre Familienkonflikte durchaus freudianisch. Sie griffen sogar ein Forschungsobjekt Freuds mit auf: Hatte Freud in der antiken Tragödie psychoanalytische Motive entdeckt, so verliehen O’Neill in „Trauer muß Elektra tragen“ und Eliot im „Familientag“ ihren Dramen wiederum eine antikische Stilisierung. Außerdem bemühten sie für ihre spätbürgerlichen Konflikte ein aristokratisches Milieu, wodurch sie den eigentlichen sozialen Untergrund der Kämpfe verfälschten, aber zugleich eine gehobene dichterische Sprache legitimierten, auf die Ibsen und Strindberg bewußt verzichtet hatten.

Thomas Stearnes Eliot, der nach Europa geflüchtete Amerikaner, war immer ein Bewunderer von Djuna Barnes, einer ebenfalls lange Jahre nach Europa geflüchteten Amerikanerin, die mit Fug und Recht Amerikas bedeutendste Dichterin genannt wird. Eliot verlegte ihren ungeheuerlichen Roman „Nachtgewächs“ in seinem eigenen Verlag „Faber und Faber“ und versah ihn mit einem Vorwort. Dieser Roman erregte vor Jahren in Deutschland Aufsehen, als er in der großartigen Übersetzung von Wolfgang Hildesheimer herauskam. Er erregte Aufsehen wegen der Abseitigkeit seiner Thematik – der Liebe zwischen zwei Frauen – und der unerhörten Gewalt seiner expressiv-manieristischen Sprache.

Offenbar nahm Djuna Barnes im Jahre 1958 Eliots „Family Reunion“ zum Anlaß, ihren eigenen „Familientag“ zu schreiben, das Stück

Djuna Barnes: „Antiphon“, aus dem Englischen von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum; BS 241, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 157 S., 7,80 DM,

das noch im gleichen Jahr 1958 in Eliots Verlag erschien. Aber nur der Ausgangspunkt ist ähnlich wie in der „Family Reunion“. Während bei Eliot die alte Lady Amy nach langen Jahren zum erstenmal ihre Familie – drei Söhne – auf einem abgelegenen nordirischen Adelssitz versammelt, findet der „Familientag“ der Djuna Barnes in einem halb zerfallenen Chorherrenstift einer alten Adelsfamilie statt, die ebenso heruntergekommen ist wie das Stift. Wie bei Eliot sind also Aristokraten unter sich. Bei Djuna Barnes dient das Milieu vor allem dazu, den metaphorischen Glanz einer unrealistischen Sprache zu motivieren, die nun durchaus theatralisches Gepräge hat – wie die Kulisse. Auch das ehemalige Chorherrenstift ist ganz aus dem Theaterfonds ausstaffiert: „Über die Balustrade hängen Flaggen, Banner, Barette, Ordensbänder und Theaterkostüme aller Art... Zur Linken steht vor einem gotischen Fenster ohne Scheiben eine Schneiderpuppe in Uniform, umringt von Notenständern, Hörnern, Fiedeln, Gewehrkästen, Hutschachteln, Masken, Spielzeug und zerbrochenen Tier- und Menschenstatuen