Bremen

Nicht ganz zwei Jahre lang flog sie unter dem Kennzeichen D-ALAS sonnenhungrige Touristen aus der Bundesrepublik gen Süden: 4918 Flugstunden lang, bei 3611 Starts und Landungen. Dann ereilte sie ihr Schicksal. Anfang Oktober hielten sie die Behörden in Dubrovnik/Jugoslawien als Pfand fest, und letzten Freitag kam sie auf dem Flughafen Bremen unter den Hammer – die sechste und letzte Maschine der Münchner Charterflugfirma „Paninternational“ die mit dem Absturz einer Schwestermaschine des Typ BAC 1–11 im September 1971 bei Hamburg (22 Tote) finanziell in den Sackflug geriet. Die Bruchlandung war total.

Von der Tragödie des Unfalls war freilich in Bremen wenig zu spüren. Es herrschte Fliegerwetter – sonnig, einige kleine Zirruswölkchen, ganz leicht diesig –, als die Rechtspfleger Müller und Köhler vom Amtsgericht Braunschweig das Flugzeug besichtigten. Wegen der räumlichen Nähe zum Bundesluftfahrtamt wird bei diesem Gericht das Pfandrechtsregister für alle deutschen Luftfahrzeuge geführt.

Der zweistrahlige Jet, jetzt mit dem Kennzeichen G-AZPG, stand seit Ende April in Bremen, vom Herstellerwerk in Dubrovnik ausgelöst, nach England überführt und dort generalüberholt. Auf einer stillgelegten Startbahn, regelmäßig gewartet und bewegt, wartete sie für knapp 85 Mark täglich (Standgeld, Strom und nächtliche Beleuchtung gegen Diebstahl und Anschläge) auf den neuen Besitzer.

Ein teures Flugzeug fürwahr. Nennwert zum Ablieferungszeitpunkt im April 1970 rund 16,38 Millionen Mark, Verkehrswert vorigen Freitag 13,5 Millionen, allerdings auch belastet mit beachtlichen Pfandrechten – knapp 2,011 Millionen britischen Pfund (Herstellerwerk), 290 000 Mark Forderung des Lufthansa-Service und 235 000 Mark noch ausstehende Bezahlung an BP für Treibstoff.

10.32 Uhr: Aufforderung zum Gebot: Das Herstellerwerk British Aircraft Corporation, vertreten durch zwei Münchner Rechtsanwälte, bietet 9,5 Millionen Mark. Kein weiteres Angebot – weitere Gläubiger sind nicht erschienen. In der folgenden Stunde „Bietungszeit“, in der die beiden Rechtspfleger laut Vorschrift sich nicht von ihren Stühlen rühren, meldet sich jedoch noch ein weiterer Paninternational-Geschädigter: ein junger ehemaliger Angestellter. 9000 Mark Gehalt hat er nicht ausgezahlt bekommen; doch das Konkursverfahren, bei dem seine Forderung berücksichtigt worden wäre, wurde mangels Masse abgelehnt. Er schaut in die Röhre, rechtlich korrekt, aber zu Recht verbittert. Vielleicht sind die Gesetze, nach denen jedermann eine Charterflugfirma gründen kann, doch zu weitmaschig gestrickt ...

Vier Maschinen wurden bisher im Wege der Zwangsvollstreckung versteigert: je eine in den USA und München, zwei in Köln (für 19,9 Millionen Mark).

11.32 Uhr: Neue Angebote sind nicht eingegangen. Der Zuschlag geht wie erwartet an das Herstellerwerk. Am Samstag hob die BAC 1–11, Kennzeichen G-AZPG, zum Flug Richtung England ab. Ein neuer Käufer soll schon gefunden sein. Horst Bieber