Wenn eine wissenschaftliche Annahme so oft zitiert wird und an so verschiedenen Stellen Eingang gefunden hat wie die Sapir-Whorf-Hypothese (man findet sie heute in Übersetzungslehrbüchern ebenso selbstverständlich wie in der Diskussion um die Sprachbarrieren), so wird es Zeit, sie zu überprüfen. Das weiß man nicht nur in der Linguistik seit langem. Es hat auch an Versuchen nicht gefehlt; an einem überzeugenden Nachweis freilich mangelt es bislang ebenso wie überhaupt an einer exakten Formulierung dieser Hypothese, die so zusammengefaßt werden kann: Verschiedene Sprachsysteme strukturieren menschliche Denkprozesse unterschiedlich, menschliche Erkenntnis ist relativ zur erlernten Sprache. Daher auch der Begriff vom „sprachlichen Relativitätsprinzip“, der auf Benjamin Lee Whorf (1897–1941), Schüler des amerikanischen Linguisten Edward Sapir, selbst zurückgeht.

Whorf ist bekannt geworden durch seine Untersuchung der indianischen Hopi-Sprache, auf die sich seine Überlegungen hauptsächlich stützen (ein Teil seiner Aufsätze ist 1963 unter dem Titel „Sprache Denken Wirklichkeit“ auf deutsch als Taschenbuch erschienen). Beweiskraft kommt diesen Überlegungen jedoch nicht zu, sie sind unsystematisch und widersprüchlich. Trotzdem (oder vielleicht auch deswegen) blieb das Interesse an Whorfs Thesen – und damit das an der Hopi-Sprache – bestehen. Warum, so hörte man fragen, ergeht man sich in theoretischem Für und Wider, wenn man doch zu den Hopis fahren und wenigstens dieses grundlegende Element der Whorfschen Argumentation am Ort überprüfen könnte? Das ist nun geschehen.

Helmut Gipper, Sprachwissenschaftler in Bonn, nutzte die Gelegenheit zweier Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten in den Jahren 1967 und 1969 zu Besuchen im Hopi-Reservat im Staate Arizona. Er befragte die dort lebenden Hopis nach ihren Sprachgewohnheiten, machte Tonbandaufzeichnungen und sah sich an Ort und Stelle nach Schrifttum um. Das gesamte Material wurde 1971 hier in Deutschland von einem älteren Hopi-Indianer, eigens zu diesem Zweck angereist, noch einmal überprüft –

Helmut Gipper: „Gibt es ein sprachliches Relativitätsprinzip?“ – Untersuchungen zur Sapir-Whorf-Hypothese; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 349 S., 30,– DM.

Gippers Ergebnis: die elementare Behauptung Whorfs, wonach die Hopis eine von der unseren differierende Raum-Zeit-Auffassung hätten, ja es ihnen überhaupt an Wörtern zur Darstellung von „Zeit“ mangeln würde, ist nicht haltbar. Damit entfällt ein beliebtes und attraktives Argument radikaler Anhänger des Relativitätsgedankens, die aus Whorfs Überlegungen folgerten, Sprache würde das Denken unentrinnbar determinieren. Gipper: „Eine solche ‚planlinguistische‘ These, die den Vermittlungscharakter der Sprache grob verkennt, muß als eindeutig falsch bezeichnet werden, und man sollte sie aus der weiteren wissenschaftlichen Diskussion ein für allemal ausschließen.“

Die eigene Untersuchung der Hopi-Sprache ist der Kern von Gippers Buch. Oder, wenn man will, die Pointe – läßt er die Katze doch erst nach mehr als 200 Seiten aus dem Sack (insofern hat das Buch, wie Thomas Luckmann im Vorwort bemerkt, tatsächlich einiges von einem Kriminalroman). Die Seiten davor sind gefüllt mit der Diskussion der bislang zu Whorfs Thesen angestellten Überlegungen und Experimente. Viel Raum widmet Gipper dabei jener sprachwissenschaftlichen Richtung, an deren Beginn Wilhelm von Humboldt stand. Das verwundert nicht, wenn man weiß, daß Gipper, Schüler von Leo Weisgerber, selber dieser Richtung zuzuordnen ist. Hier liegt anscheinend auch eine gewisse Problematik, denn diese Richtung ist ja zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie die Schöpfer der Sapir-Whorf-Hypothese, wenn auch weniger radikal formuliert. Man fragt sich also, ob Gipper überhaupt der rechte Mann ist, die Titelfrage seines Buches tatsächlich zu beantworten; versöhnlich stimmt allerdings, daß er dieses Problem selbst sieht und sich ihm gewissermaßen stellt.

Eine eindeutige Antwort auf die Titelfrage gibt das Buch denn auch nicht, aber es wäre ungerecht, diesen Mangel allein Gipper anzulasten: „Angesichts der heutigen Forschungslage und der aufgezeigten Schwierigkeiten ist eine einfache Antwort mit einem knappen Ja oder Nein nicht möglich Das liegt aber auch daran, daß Gipper den Ausdruck „sprachliche Relativität“ sehr weit faßt und darunter schließlich schon eine „bestimmte Beziehung“ zwischen jeweiliger Sprache und Denken versteht. Das ist gegenüber Whorf eine beträchtliche Einschränkung. Volker Hage