Bei Versuchen, erlerntes Wissen durch eine Injektionsspritze von einem Tier auf ein anderes chemisch zu übertragen, kamen jetzt zwei amerikanische Wissenschaftler in Houston (Texas) einen bedeutsamen Schritt voran: Sie injizierten ihren unwissenden Versuchstieren nicht nur – wie bisher stets geschehen – das Wissen um die richtige Reaktion auf ein bestimmtes Signal, sondern auch die Fähigkeit, solch ein Signal in ein Begriffsschema einzuordnen.

Alle Versuche zur Gedächtnisübertragung gehen auf Experimente mit Würmern zurück, die an der Universität Michigan ausgeführt wurden. 1962 berichtete der Psychologe James McConnell über Ergebnisse, die zunächst unglaublich erschienen. Professor McConnell hatte Plattwürmern beigebracht, auf einen Lichtblitz hin eine bestimmte Haltung einzunehmen. Als die Würmer ihre Lektion gut beherrschten, zerkleinerte sie der Psychologe zu einem Brei und fütterte damit Tiere der gleichen Art, die noch nichts gelernt hatten. Dann dressierte der Forscher die mit gelehrten Artgenossen gefütterten Würmer auf dasselbe Kunststück, und da zeigte sich, daß sie ihr Pensum doppelt so schnell lernten wie andere Würmer, die gar keine oder ungelernte Plattwürmer verspeist hatten. Ergebnisse von Studien, die daraufhin ausgeführt wurden, ließen keinen Zweifel daran, daß Gedächtnisübertragung auch bei höheren Tieren möglich ist.

Goldfische schwammen, nachdem ihnen Hirnextrakt speziell trainierter Artgenossen in die Bauchhöhle gespritzt worden war, auf ein Lichtsignal hin über eine Barriere in die andere Hälfte des Aquariums, ohne daß ihnen jemals zuvor dieses Kunststück abverlangt worden wäre. Andere Goldfische bevorzugten nach der Injektion, wie es ihren Hirnextraktspendern beigebracht worden war, grünes Licht gegenüber rotem, bitteres oder saures Wasser gegenüber neutral schmeckendem. Ratten, die sich gern im Dunkeln aufhalten, lernten nach einer entsprechenden Hirnextrakt-Injektionen das Dunkel fürchten.

Ganze Brigaden von Versuchstieren wurden in geduldiger Arbeit einzig zu dem Zweck geschult, Artgenossen mühelos Wissen erlangen zu lassen. Ein Gedächtnisstoff konnte sogar isoliert, analysiert und synthetisch hergestellt werden. Das Kunstprodukt machte ebenso gelehrt wie die natürliche Substanz.

An Ratten wurden auch die Experimente vorgenommen, über die jetzt die beiden Forscher aus Houston, Lendell Brand und William Brand, in der Wissenschaftszeitschrift "Science" (Bd. 176, S. 942) berichteten. Die Brauds, die an zwei verschiedenen Universitäten arbeiten, der Texas Southern University und der University of Houston, boten ihren Ratten zur Auswahl zwei Gänge, in die die Tiere schlüpfen konnten. Beide Gänge waren mit einem weißen Kreis gekennzeichnet. Der Unterschied lag im Durchmesser: Der Durchmesser des einen Kreises betrug 3,2 Zentimeter, der des anderen Kreises sieben Zentimeter. Am Ende desjenigen Ganges, der jeweils mit dem größeren Kreis gekennzeichnet war, fanden die Ratten einen Leckerbissen, und so lernten sie schnell, unter den beiden Gängen stets den richtigen zu wählen.

Dann kam die übliche Prozedur: Aus den Gehirnen der dressierten Tiere würde ein Extrakt hergestellt, den die Forscher untrainierten Ratten einspritzten. Das Unübliche: Nach der Injektion wurde den Tieren nicht dieselbe Aufgabe gestellt, welche die Hirnextraktspender beherrscht, hatten.

Zwar gab es wiederum zwei Gänge, und jeder war mit einem weißen Kreis bezeichnet. Aber diesmal betrugen die Durchmesser der Kreise sieben und zwölf Zentimeter. Gespannt warteten die Gedächtnisforscher, wofür sich die Tiere unter dem Einfluß des Hirnextrakts entscheiden würden: für den sieben Zentimeter großen Kreis, den ihre Gedächtnisgeber bevorzugen gelernt hatten, oder für den größeren der beiden Kreise – eine Entscheidung, die ebenfalls dem ursprünglichen Lehrpensum entsprechen würde.