London, im Juli

Schon mit neun Jahren zeigte Graham Young erstaunlichen wissenschaftlichen Eifer. Während seine Schulkameraden sich auf dem Kricketplatz vergnügten, saß er zu Hause über seinen chemischen und toxikologischen Büchern. Seine Lieblingslektüre waren die Lebensbeschreibungen berühmter Giftmörder. Intelligenzprüfungen reihten ihn in die Kategorie „genial“ ein, seine Lehrer sangen sein Lob. Ein Umstand irritierte sie allerdings: Graham war ein fanatischer Bewunderer Hitlers, und das erschien im England der sechziger Jahre doch etwas unangebracht.

Mit vierzehn Jahren ging der aufgeweckte Junge dazu über, seine theoretischen Kenntnisse praktisch zu erproben. Er hatte sein Zimmer mit unzähligen Giftfläschchen angefüllt, und seine Familie diente ihm als Versuchskaninchen. Seinem Vater und seiner Schwester mischte er Kaliumantimonyltartrat und Belladonna in die Milch, einem Schulfreund servierte er Gift auf Keksen. Sie konnten von Glück reden, daß sie – wenn auch mit erheblichen gesundheitlichen Schäden – die Forschungstätigkeit des jungen Giftmischers überlebten. Mit seiner Stiefmutter, die er in ähnlicher Weise traktierte, empfand er Mitleid, als sie zum Skelett abmagerte; so brach er dieses Experiment ab. Als die unselige Frau bald danach starb, wurde ihr Tod einer Rückgratverletzung zugeschrieben. Young brüstete sich später, er sei für ihren Exitus verantwortlich. „In ihrem Fall experimentierte ich mit Thallium“, erklärte er sachlich.

Sein Chemielehrer faßte Verdacht, und der Wunderknabe wurde im Sommer 1962 vor Gericht gestellt. Der psychiatrische Sachverständige warnte: „Ihm fehlt die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er, wenn sich ihm je die Gelegenheit dazu bieten sollte, weitere Vergiftungsversuche unternehmen wird.“ Angesichts dieses Gutachtens entschied der Richter, daß Graham Young für fünfzehn Jahre in eine Anstalt für gemeingefährliche Geisteskranke zu sperren sei. Nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Innenministers dürfe er vorzeitig in Freiheit gesetzt werden.

Young wurde nach Broadmoor gebracht; er konnte für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, der jüngste Insasse in dieser festungsartigen Kombination von Zuchthaus und Irrenanstalt zu sein. Zunächst widersetzte er sich störrisch jeder Anordnung der Wärter, legte sich einen Hitler-Schnurrbart zu und trug eine Hakenkreuzbinde am Arm. Aber nach drei Jahren änderte sich plötzlich sein Verhalten. Er war in vorbildlicher Weise kooperativ und beeindruckte die Ärzte durch seine Intelligenz.

Die Leiter von Broadmoor sind fortschrittlich denkende Männer mit humanitären Grundsätzen. Gewiß, Young war auf Grund eines psychiatrischen Gutachtens zu fünfzehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden – aber wie leicht kann sich auch der weiseste Richter irren! Die Ärzte waren entschlossen, den begabten Menschen zu retten, der im Pubertätsalter das Opfer einer vermutlich vorübergehenden geistigen Störung geworden war. Dem Innenminister wurde nahegelegt, Young vorzeitig aus Broadmoor zu entlassen. So wurde er nach neunjähriger Haft bedingt in Freiheit gesetzt und der Obhut des Wohlfahrtstaates anvertraut.

Dem inzwischen Vierundzwanzigjährigen wurde ein Bewährungshelfer bestellt. Allmonatlich hatte Young ein Gespräch mit dem Psychiater, der ihn in Broadmoor behandelt hatte. In der staatlichen Umschulungsanstalt in Slough wurde er drei Monate für eine neue Karriere ausgebildet. Da man seine Rehabilitierung nicht gefährden wollte, wurde seine kriminelle und psychopathische Vorgeschichte geheimgehalten. Als in dem nahe gelegenen Ort Bovington die Photogerätefirma John Hadland Ltd. einen Lagerverwalter suchte, wurde Young dem Direktor mit warmen Worten empfohlen. Kein Wortüber seine Vergangenheit, kein Wort über seinen Aufenthalt in Broadmoor.