Mit einem, Opfer an den nationalen Proporz werden mindestens 200 Spitzenbeamte der Brüsseler EWG-Kommission nach dem 1. 1. 1973 der erweiterten Europäischen Gemeinschaft ihren ersten und letzten Dienst erweisen. Sie müssen ihre Schreibtische räumen, um die von den Beitrittsländern Großbritannien, Irland, Dänemark und Norwegen beanspruchten Schaltstellen in der Eurokratie mit eigenen Leuten zu ermöglichen.

Aus sachlichen und finanziellen Gründen hält die bis zum Jahresende amtierende EWG-Kommission eine zahlenmäßige Aufstockung dieser Spitzenpositionen für ungerechtfertigt. Einem Drittel der oberen Dienstränge – von den Generaldirektoren bis zu den Hauptverwaltungsräten – soll daher mit einem „goldenen Handschlag“ der Abschied von der Brüsseler Bürokratie erleichtert werden. Das Recht der Beamten auf Wiederverwendung nach einer einstweiligen Versetzung in den Ruhestand will die Kommission mit einem Scheck abkaufen.

Die Berufsverbände der EWG-Beamten witterten sogleich Unheil und protestierten gegen die Absicht der Kommission. Theodor Holz, Präsident des Europäischen Beamtenbundes: „Für schönes Geld finden sich genug, die freiwillig gehen.“

Die Kommision hatte 1967 schon einmal das Verfahren des goldenen Handschlags praktiziert. Damals machte sie die Erfahrung, daß nicht nur frustrierte, sondern auch unentbehrliche Beamte den Scheck kassierten und ihren Hut nahmen. Diesmal will man deshalb strengere Maßstäbe anlegen.

Unterdessen wirbt die Kommission in London, Dublin, Kopenhagen und Oslo um neues Personal. Etwa 500 Sekretärinnen, Übersetzer und Dolmetscher aus den vier neuen Mitgliedstaaten müssen nach Auffassung der Kommission im ersten Halbjahr 1975 eingestellt werden.

Für niedrige Chargen liegen bereits Bewerbungen vor, doch wie hohe Regierungsbeamte aus London nach Brüssel gelockt werdet können, ist noch ungelöst. Wegen der niedrigeren Gehälter in der EWG-Bürokratie (Grundgehalt eines Generaldirektors: 6943 bis 8897 Mark) winken die meisten Kandidaten für die höheren Posten ab. hhb