Oberhausen

Um Soforthilfe vor Ort leisten zu können, will sich die Oberhausener Aktion Friedensdorf ein zweites Standbein im südvietnamesischen Dalat zulegen. In dem ehemaligen Kurort der französischen Verwaltung, 280 km nordostlich von Saigon, soll, so der Initiator und Präsident der Aktion Friedensdorf, Pfarrer Berghaus, „Hilfe zur Selbsthilfe“ gegeben werden, damit schlagen vernarben können, die der Krieg geschlagen hat. Doch dazu braucht man Geld, Geld und nochmals Geld. Im Modell steht Dalat bereits, aber um das Rehabilitationszentrum für kriegsverletzte südvietnamesische Kinder zu realisieren, sind Millionen nötig. Allein der erste Bauabschnitt – Prothesenzentrum, Gehschule, Versorgungstrakt und 70-Betten-Station – kostet 2,2 Millionen Mark, das Gesamtprojekt 6,7 Millionen Mark.

Die Spenden für das Oberhausener Friedensdorf – Zuwendungen evangelischer und katholischer Kirchengemeinden sowie richterlich verhängte Bußgelder – fließen zwar ausreichend, doch um Dalat in die Tat umzusetzen, müssen die Finanzquellen sprudeln. Friedenspfarrer Berghaus hofft, daß die bundesdeutschen Industrie- und Wirtschaftsbosse ihre Augen nicht vor dem Elend auf dem südostasiatischen Kriegsschauplatz verschließen, sondern mit großzügigen Beiträgen auf das Sonderkonto Dalat, Postscheckkonto Essen Nummer 5757, der Friedenshilfe neue Dimensionen geben. Berghaus: „Hier wäre Gelegenheit für die Vertreter der Wirtschaft, den oft beklagten Imageverlust aufzubessern.“

Die Bilanz der guten Tat, die Pfarrer Berghaus und seine Mitarbeiter auf einer Pressekonferenz zogen, kann sich sehen lassen: 130 Kinder aus Vietnam fanden bisher in Oberhausen Heilung und Ausbildung, so daß sie später in Vietnam einen Beruf ausüben können und nicht als Ausgestoßene am Rande der Gesellschaft ein Bettlerdasein fristen müssen.

Damit auch künftig keines der jugendlichen Kriegsopfer betteln muß, gehen in den nächsten Tagen zwei Botschafterinnen des guten Willens aus Oberhausen auf Bitt-Tour. Versehen mit Alben und Informationen, die Kinderschicksale in einem umkämpften Land spiegeln, klopfen die Betreuerinnen, Monika Friemann und Christa Grawert, in den Vorzimmern bundesdeutscher Konzerne an, um Millionen für eine gute Tat zu sammeln. In den Unterlagen befindet sich auch ein Schreiben von Bundeskanzler Brandt, der spontan 20 000 Mark für die Aktion Friedensdorf gespendet hat.

Der Motor der Oberhausener Aktion, der nicht müde wird, den mörderischen Krieg in Fernost anzuprangern, hofft auch diesmal, daß sein Hilferuf ein positives Echo findet: „Wer das Elend in Vietnam gesehen hat, der kann sich nicht taub und blind stellen.“ Pfarrer Berghaus weiß, wovon er spricht. Er ist gerade erst mit 21 Kindern, verletzt durch Granaten, Bomben, Minen und Napalm, in die Bundesrepublik zurückgekehrt. Kinder, die aus dem Bett springen, wenn ein Düsenjäger über das Dach heult, weil sie fürchten, es regnet Bomben; Kinder, die jeden Weißen für einen Amerikaner halten; Kinder, die nicht Güte, sondern nur Grausamkeiten kennen.

Um das Leben dieser leidenden Kinder zu lindern, will man die Oberhausener Arbeit in Vietnam intensivieren. Ein Dutzend junger Vietnamesen wird bereits in der Bundesrepublik zu Krankenschwestern, Heilgymnastinnen, Sozialhelfern und Prothesenmechanikern ausgebildet, um in dem Friedensdorf Dalat tätig zu werden. „Denn“, so Pfarrer Berghaus, „wir haben erkannt, daß am schnellsten und wirksamsten im Land selbst geholfen werden kann.“ Fernziel der Oberhausener Friedensdorf-Bauer ist es, in fünf Jahren Dalat den Vietnamesen zu übergeben, damit Vietnamesen Vietnamesen ausbilden können. Bis zum Tag X allerdings wird ein deutsches Beraterteam helfend zur Seite stehen, werden weiterhin schwierige medizinische Fälle nach Deutschland ausgeflogen, wird sich Oberhausen um die Vermittlung von Adoptionen bemühen.

Doch für den Moment heißt das dringendste Problem nicht Menschen, sondern Finanzen. Damit die Kinder, die der Krieg zu Krüppeln machte, mit Krücken leben können, benötigt man Geld. Berghaus: „Ich würde mich freuen, in sechs Monaten sagen zu können, daß durch die spontane Hilfsaktion der deutschen Industrie und Wirtschaft Dalat ermöglicht wurde, die Direkthilfe vor Ort beginnen kann.“ Gelegentliche Einwände gegen Investitionen in Vietnam stoppt Pfarrer Berghaus im Ansatz: „Wir haben von den beiden kriegführenden Parteien die Zusicherung, daß man das Friedensdorf Dalat respektieren wird, daß man die humanitäre Hilfe nicht stören wird.“ Rosemary Callmann