Der Ausdruck „Fremdsprachenmuffel“ scheint von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zu stammen. Jedenfalls kommt er in einer Meldung über die Fähigkeit und den Fleiß der Europäer vor, die Sprachen der Nachbarn zu erlernen. Und die „Muffel“ sind wir, die Deutschen.

Die Holländer, die aus anderen Gründen uns Deutsche gelegentlich „Muffel“ nennen, sind hingegen vorbildlich. Zweiundvierzig Prozent sprechen Englisch, sechzehn Französisch. Fast so brillant schneiden auch die Skandinavier ab: dreiunddreißig Prozent Englisch, sechs Prozent Französisch. Wir Deutsche, muffeln gemeinsam mit den Engländern und Franzosen. Nurzwanzig Prozent der Bundesbürger wissen sich in Englisch, nur zehn Prozent in Französisch zu verständigen. Nur zwei Prozent können sagen, daß sie eine fremde Sprache wirklich beherrschen.

Den Engländern und Franzosen ergeht es nicht anders. Die Italiener aber schneiden am schlechtesten ab. Nur zwölf von hundert Italienern können sich auf französisch verständlich machen, nur fünf auf englisch. Je größer die Völker, desto hartnäckig ger Sprachmuffelei. Kleine Völker muffeln nicht. Ihre Kinder sind gelehrig im Erlernen fremder Sprachen. Was bliebe ihnen sonst auch übrig, wenn sie mit dem Ausland Kontakt halten wollen? Neulich ertappte ich eine Griechin in einer international gemischten Gesellschaft dabei, daß sie von Französisch auf Englisch und auf Deutsch umschaltet, ohne es selber zu merken. Ein Zeichen großer Sprachintelligenz.

In jener Statistik aber, von der dpa meldet, daß sie aus der „Repräsentativbefragung einesgroßen Sprachschulunternehmens“ hervorging, tun sich unter den Angehörigen der klugen kleinen Völker die Belgier besonders hervor: Fünfzig Prozent sprechen Niederländisch, fünfzig Französisch. „Folge der Zweisprachigkeit“, so erläutert sehr richtig dpa. Aber daß die Wallonen und die Flamen es geschafft haben, als Anti-Muffel in die Statistik zu kommen, ohne ein anderes als ihr eigenes Idiom zu beherrschen, kennzeichnet immerhin ihre Kunst, sich aus der Affäre zu ziehen.

Nun hat natürlich der Standpunkt der „Großen“, die „Kleinen“ sollten ihnen die Mühe des Lernens getrost abnehmen, auch viel für sich. Man spart Gehirnschmalz und Zeit. Denn es genügt ja nicht, daß man Wörter und Grammatik lernen muß; man muß, sogar lernen, „in den Geist der anderen Sprache einzudringen“. Schüler des alten „Französischen Gymnasiums“ in Berlin erreichten das im Hand-, nein, Zungenumdrehen. So auch Gymnasiasten in Saarbrücken, die – wie entsprechende französische – zwei gleichwertige Unterrichtssprachen haben, so daß die Abschlußprüfung neuerdings sowohl in der Bundesrepublik als auch in Frankreich zum Besuch der Universität berechtigt. Hingegen sind diese Fälle so selten, daß die Muffel nicht zu fürchten brauchen, sie könnten in die Minderheit geraten. Je mehr wir uns dahin entwickeln, „wieder wer zu sein“, desto besser werden die Muffel gedeihen.

Ob es aber nicht auch Halbmuffel gibt? Der französische Germanist, Professor Lucien Gspann, der für den deutschen, doch zweisprachigen Pariser Kurier amüsante Sprachglossen schreibt, klopfte kürzlich einem französischen Übersetzer auf die Finger, der aus einem deutschen Text die Wendung „Backfische in Begleitung ihrer Eltern“ mit „Sardines frites en compagnie de leurs parents“ übertragen hatte. Auch tat dem Professor ein General sehr leid, der im deutschen Urtext nach einer verlorenen Schlacht fünf Tage darauf verwenden mußte, seine Verbände neu zu ordnen: pour remettre del’odredans ses pansements. Hätte der Übersetzer besser im Wörterbuch nachgesehen, so hätte er Verbände der Armee nicht mit Verbänden auf den Wunden verwechselt. Dies wäre der Wahrheit zum Nutzen, jedoch der Komik zum Schaden gewesen.

Ein anderes Mal fing der Professor ein deutsches Inserat einer französischen Modefirma ein: „Elegante, komfortable Bildnis, Korsette, Büstenhalter und Flanschen.“ Er sagt, mit „Flanschen“, dem „Verbindungsstück zweier Rohre“ (Ausdruck der Klempnersprache beispielsweise), sei offensichtlich ein Hüfthalter gemeint. Jedoch: wer weiß? Vielleicht nicht einmal dieser Halbmuffel von Inseratübersetzer.

Es ist in diesem Zusammenhang nur recht und billig, ausdrücklich auf ein neues Buch von Lucien Gspann mit dem zweisprachigen Titel „Gallicismes et Germanismes à gogo“ – „Gallizismen und Germanismen in Hülle und Fülle“ zu verweisen (Edition Didier, 4, rue de la Sorbonne, Paris). Das Buch läßt uns Sprichwörter und Redensarten vergleichen, lehrt uns, Verwandtes zu erkennen und Verschiedenheiten zu lieben. Es müßte ein starker Muffel sein, der alledem widerstünde.