/ Von Theo Sommer

Seoul, im Juli

Der Blick schweift weit übers grüne Tal des Han. Im Dunst der fernen Hügel ist Kaesong auszumachen, schon Nordkorea. Unten im Talgrund markieren gelbe Schilder die militärische Demarkationslinie. Seit dem Waffenstillstand von 1953 trennt sie die feindlichen koreanischen Brüder. Je zwei Kilometer zu beiden Seiten erstreckt sich die entmilitarisierte Zone, die so recht entmilitarisiert gar nicht wirkt: Beobachtungsposten, Unterstände, Patrouillen sind hüben wie drüben auszumachen. Nord und Süd werfen einander Verletzung der Entmilitarisierungs-Vorschriften vor.

Vom nördlichsten Posten der Südkoreaner ist durch den Feldstecher deutlich die Lautsprecherbatterie zu erkennen, die täglich 24 Stunden lang die Flußniederung mit einschläfernden Lesungen aus den Schriften des Marschalls Kim II Sung erfüllt. Die Männer der 1. Infanteriedivision übertönen den Zitatenlärm schlicht mit Schlagermusik. Die Front erhält auf diese Weise einen Stich ins Fröhliche, fast Frivole. Aber der Eindruck täuscht. Wer einen Blick dafür hat, erkennt leicht: Die Einheiten sind gefechtsbereit – finster entschlossen wie ihr Wahlspruch: „Wir halten jeden Eindringling auf und lassen es nicht zu, daß auch nur ein Zoll unseres Bodens dem Feinde überlassen wird.“ Noch herrscht Konfrontation an der 155 Meilen langen Waffenstillstandslinie.

Doch bedurfte es nicht erst der dramatischen Mitteilung vom 4. Juli, daß Nordkoreaner und Südkoreaner sich in Geheimverhandlungen geeinigt haben, ein geregeltes Nebeneinander beider koreanischer Staaten und am Ende sogar ihre Wiedervereinigung anzustreben, um der Welt vor Augen zu führen, daß aus der 27jährigen Konfrontation ohne Kontakte mittlerweile eine Konfrontation mit Dialog geworden ist. Seit dem 20. August vorigen Jahres sprechen Vertreter des Roten Kreuzes aus Nord und Süd miteinander – über menschliche Erleichterungen für Millionen von Menschen in den getrennten Landesteilen. Auch an dieser kältesten Front des Kalten Krieges beginnt nach einem Vierteljahrhundert das Eis zu schmelzen.

Und es war wirklich die kälteste Front. Keinerlei Verbindung, seit 1945 die Russen im Norden des Landes die Kapitulation der Japaner entgegennahmen, die Amerikaner im Süden; seit 1948, als die Welt sich in zwei Lager schied und Korea in zwei Staaten zerspalten wurde; seit 1950, da die Kommunisten über den Süden herfielen und ihn überrollten, bis sich nach dem amerikanischen Gegenstoß und der Intervention Chinas die Grenze zwischen den Welten wieder nahe der Ausgangslinie am 38. Breitengrad einpendelte; seit dem Waffenstillstand von 1953, in dem viele nur eine Atempause vor der nächsten Runde sahen. Keine Post, kein Telephon, kein Handel, nicht einmal RotkreuzrFühlungnahmen, die über das Schicksal der Millionen getrennter Familien hätten Auskunft geben können.