Zwischen Kairo und dem Kreml steht es derzeit nicht zum besten. Ein Jahr nach Abschluß des ägyptisch-sowjetischen Freundschaftsvertrages bekommt Präsident Sadat mehr und mehr zu spüren, daß er an der kurzen Moskauer Leine liegt. Die Sowjets bestimmen die ägyptische Außenpolitik, zwingen Sadat zur Zurückhaltung gegenüber Israel und halten sogar die Fäden der Innenpolitik in ihrer Hand.

Im Frühjahr mußte sich der Staatschef der aufrührerischen Studenten erwehren, die ihn zum Revanchekrieg gegen Israel bewegen wollten. Nun sieht er sich wachsender Kritik aus Kreisen der Armee und der Ministerialbürokratie gegenüber, wo Moskaus Hinhaltepolitik freimütig gebrandmarkt wird. Erst mußte der Luftwaffenchef gehen, der den saumseligen Sowjets zürnte, sodann zwei hohe Beamte des Außenamtes, die den Kremlführern egoistische Machtinteressen vorwarfen. Zuletzt machte sich der Al-Ahram-Chefredakteur und Präsidentenberater Heikal bei dem fernen Schutzpatron unbeliebt, als er die sowjetisch-amerikanische Nahost-Kumpanei ("weder Krieg noch Frieden") schlankweg ein "Verbrechen" nannte. Damit folgte Heikal der These ehemaliger Revolutionskameraden Sadats, die in einem Memorandum an den Staatschef geschrieben hatten: "Wer dem Teufel den kleinen Finger gibt, dem nimmt er gleich die ganze Hand." Mit dem Teufel war die Sowjetunion gemeint.

Auch der syrische Präsident Assad bekam in Moskau zu spüren, was eine russische Harke ist: Damaskus erhält zwar mehr Waffen, aber keine Offensivwaffen; es wird zwar für seinen praktizierten Sozialismus bei der Verstaatlichung der amerikanischen Ölgesellschaften gelobt, zugleich aber vor einer neuen Runde wider Israel gewarnt. Syrischen Kommunisten rechneten die sowjetischen Militärstrategen kürzlich wieder vor, was sie und die Ägypter in einem vierten arabisch-israelischen Krieg zu erwarten hätten: eine Wiederholung der Niederlage vom Juni 1967. Selbst modernste Waffen könnten da nichts ausrichten. Denn – so Moskaus Staatsoberhaupt Podgorny zum libanesischen Parlamentspräsidenten Kamel Assad – die Araber seien gar nicht fähig, sie anzuwenden. Jüngstes Beispiel: Über dem Mittelmeer schossen israelische Düsenjäger zwei MIG 21 ab. Die Piloten waren Ägypter, die nach Kairoer Lesart eigenmächtig in Israels Luftraum eingedrungen waren.

Daß Krieg derzeit nicht auf dem Kalender des Kreml steht, hat außer der arabischen Unfähigkeit, Israel zu besiegen, noch eine andere, gewichtige Ursache: die begründete Sorge Moskaus, in einen Konflikt mit den Vereinigten Staaten hineingezogen zu werden. Erst letzte Woche wurde bekannt, daß im September 1970 eine solche Konfrontation der Giganten gedroht hatte.

Damals drangen, angewiesen von Moskaus Militärberatern, 250 syrische Tanks sowjetischer Bauart in Jordanien ein, um ein pro-russisches Fatah-Regime zu installieren. In Absprache mit Jerusalem entschied Washington zweierlei: höchste Alarmbereitschaft für die US-Mittelmeerflotte und die in Europa stationierten Luftlandetruppen; Gegenangriff israelischer Verbände, sobald sich die Panzer-Phalanx der jordanischen Hauptstadt Amman nähern sollte. Die Krisenmanager im Kreml bekamen Wind von der Sache und ordneten den Rückzug der Syrer an. Schon drei Tage nach dem Einfall drehten die Panzer Richtung Damaskus ab. Das Abenteuer vom September 1970 war den Sowjets eine Lehre, nicht mutwillig am Status quo zu rütteln.

Wie Heikal, so müssen sich auch Arabiens Anführer zu der Einsicht bequemen, daß die Sowjets für sie nicht die Kastanien aus dem Feuer holen werden. In einem Al-Ahram-Symposion über den aktuellen Stand der arabisch-sowjetischen Beziehungen sagte Heikal unlängst: "Wir sind in den Hinterhalt geraten zu einer Zeit, da unser Konflikt mit Israel ohne den Willen der Großen nicht ausgetragen werden kann. Selbst ein begrenzter Krieg entscheidet nichts."

Die Sowjets indessen lernen gleichfalls dazu. Nach den Amerikanern sind sie es nun, die zusehen müssen, wie sie mit den unsicheren arabischen Kantonisten zu Rande kommen. Eine Trennung von Tisch und Bett aber wird es kaum geben. Dafür sind die Paktpartner, Russen wie Araber, zu sehr aufeinander angewiesen.

Dietrich Strothmann