Von Jeffrey Johnson

Der Schüler Horst besichtigt mit seiner Klasse die Stadt Augsburg und stellt dann fest: „So herrscht hier noch Zucht und Ordnung.“ Das Zitat entstammt keinem Lesebuch der dreißiger Jahre, sondern einem englischen Unterrichtswerk für den Deutschunterricht an englischen Gymnasien. Solche Lehrbücher gibt es in England in riesiger Auswahl, aber das Deutschlandbild, das die meisten vermitteln, ist überraschend einheitlich.

Die Deutschen führen ein enges Familienleben, in dessen Mittelpunkt der Vater steht: „Heute abend ist die Familie zu Hause. Unser Herr Müller ist sehr müde. Er arbeitet sehr fleißig für seine Familie, und jetzt braucht er Ruhe. Seine Frau holt zwei Zeitungen für ihn, sein Sessel ist sehr bequem, bald schläft er.“ Herr Müller, der gewöhnlich entweder Arzt oder Ingenieur oder erfolgreicher Geschäftsmann ist, führt ein strenges und altmodisches Regiment. Die Kinder gehorchen und „sagen nichts“, wenn der Vater spricht. Wie alle Deutschen ist er kultiviert, ein begeisterter Theaterfreund, der Lessing und Schiller schätzt. Für die modernen Theaterstücke hat er wenig übrig, weil er daran „die alte deutsche Treue“ vermißt.

Frau Müller „denkt viel und sagt wenig“. Sie ist sentimental, fleißig und stolz auf ihre Kinder. Tagsüber arbeitet sie ständig in der Küche. „Mutti ist in ihrer neuen Küche wie im Paradies“, erzählt die Tochter ihrer Freundin. Niemand darf in die Küche gehen, weil Mutter keinen Schmutz auf dem gescheuerten Kachelfußboden sehen will. Am Abend strickt sie oder stopft, und wenn sie zum Lesen kommt, was selten ist, dann nimmt sie am liebsten eine Novelle von Theodor Storm.

Aber das Leben besteht nicht nur aus Arbeit, selbst in Deutschland nicht. Wenn die deutsche Familie sich erholen will, dann macht sie Musik. „Etwa einmal in der Woche werden Familienabende mit Musik veranstaltet. Jedes Kind spielt ein Instrument, und der Vater ist Meister jedes Instruments.“ Dann kommen der Herr Pfarrer und der Herr Ingenieur und bringen ihre Geigen mit. Es wird spät. „Eins nach dem anderen gehen die Kinder ins Bett, aber die Erwachsenen spielen weiter.“

Sonntags ist es selbstverständlich, daß die ganze Familie in die Kirche geht, um „die liebevolle Predigt des alten Pastors“ zu hören. Dann am Abend macht sie den altbewährten Gang durch die Wälder zur Waldgaststätte, wo die Väter kegeln, während die Mütter ein Frauengespräch führen und auf die Kinder aufpassen. Diese Kleinstadtidylle sind anscheinend von der Austrittswelle aus der Kirche sowie von den Sonntagsverkehrsstauungen auf den bundesdeutschen Autobahnen unberührt geblieben.

Auf der Schule wird ein hohes Maß an Fleiß und Disziplin von den Kindern verlangt, sonst gibt es harte Strafen; man muß eine halbe Stunde nachsitzen, wenn man das Geburtsdatum Friedrichs des Großen nicht kennt. Wer einen Tadel im Betragen bekommt, traut sich kaum, nach Hause zu gehen, aus Angst vor dem strengen Vater.