Das Vergnügen beginnt mit dem Schutzumschlag, den man zu einem großen farbigen Western-Poster entfalten kann. Und das Buch ist weniger ein „Lexikon der amerikanischen Pioniergeschichte“, wie der Untertitel verspricht (H. J. Stammel: „Der Cowboy – Legende und Wirklichkeit von A–Z“; Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh; 416 S., Abb., 38,–DM), ist weniger ein Nachschlagewerk als ein herrlicher Schmöker, etwas zum Blättern, Bilder-Ansehen, Amüsieren – ein Kuriosum. Wann muß man schon ernsthaft wissen, daß „Buschpopler“ Cowboys sind, die Rinder aus dem Dickicht holten...

Vor zwei Jahren faszinierte der Wildwest-Experte Heinz-J. Stamme! deutsche Leser mit seinem Cowboy-Report „Das waren noch Männer“; dessen wichtigste Erkenntnisse kehren in der Einleitung des „Lexikons“ über die amerikanische Pionierzeit wieder, auch die gelegentlich emphatische Begeisterung über diese „Elite“ und ihren „Ehrenkodex“: „Der Cowboy ... verachtete Geld und Besitz, Reichtum und Macht und unterwarf in der Praxis seine ganze Existenz dem, was man Demokratie nennt.“ Na schön. Das Bild dieser Epoche und ihrer berüchtigten Protagonisten ist mehr als verzerrt, es kann die Ehrenrettung vertragen – und die Versiertheit des Autors ist in Europa wie in Amerika unbestritten.

Diese Kompetenz schlägt sich hier Seite für Seite nieder, in Stichworten, die oft zu kleinen Essays und Kurzgeschichten auswachsen und die mit Lebensläufen der legendären Figuren, mit Anekdoten und Episoden angereichert sind. Ob Stammel Fauna und Flora, Städte, Stämme und Landschaften, historische Daten, Namen und Orte abhandelt, ob er Kleidung, Waffen und die täglichen Utensilien der Indianer, Siedler und Cowboys, ihr Fachvokabular, ihre Schlaf-, Eß-, Lebens-, Liebes- und Schieß-Gewohnheiten erklärt: Alles strotzte von eminenter Detailkenntnis und weckt Assoziationen an Romane und Filme – manche Seiten erklärt: Alles strotzt von Western. Bebildert ist das Buch mit schönen Skizzen, Zeichnungen, Karten, historischen Gemälden, Porträts, Photos und alten Dokumenten.

Wolf Donner