Wer sich über Ausbildung, berufliche Chancen oder soziale Situation von angehenden Schauspielern informieren will, der stößt zunächst auf erhebliche statistische Lücken. Kein Soziologe, kein Berufsforscher, keine Behörde haben je ernsthaft versucht, sie zu füllen. Über die Situation auf diesem Teil des Arbeitsmarktes sind daher nur Schätzungen möglich.

Doch selbst vorsichtige Schätzungen führen zu wenig erfreulichen Ergebnissen: Die Berufsausbildung ist sehr problematisch, das Überangebot an Schauspielern erschreckend hoch. Etwa 4000 Schauspieler sind an den Theatern der Bundesrepublik engagiert, davon etwa ein Drittel Frauen. Doch schätzungsweise viermal so viele Mimen sind ohne Arbeit. Und hier stellen die Damen zwei Drittel des Kontingents – also rund 10 000 Schauspielerinnen ohne Anstellung.

Wer sich dennoch für den Beruf des Schauspielers entscheidet, sollte zumindest wissen, daß es im großen und ganzen von vornherein zwei Klassen von Schauspielschülern gibt: einmal diejenigen, die an einer der elf staatlichen Schauspielschulen in der Bundesrepublik studieren; zum anderen alle Schüler, die bei einem von schätzungsweise 300 Privatlehrern die Kunst der Musen Melpomene oder Thalia zu erlernen hoffen.

Meist bilden die Eleven der staatlichen Schauspielschulen eine privilegierte Kaste. Ihre beruflichen Chancen sind erheblich günstiger. Denn sie unterliegen einem strengen Ausleseverfahren und kommen in den Genuß einer umfangreichen, differenzierten und einfach besseren Ausbildung. Selbst der beste Privatlehrer kann das Ausbildungsangebot einer staatlichen Schauspielschule nicht im entferntesten bieten. Ein methodisches und lernpädagogisches Moment, das sich immer mehr in den Vordergrund schiebt, nämlich die Ausbildung in Gruppen, fällt bei einem Privatlehrer ohnedies in den meisten Fällen fort.

Bei den staatlichen Schauspielschulen ist die Situation noch übersichtlich: Jede von ihnen entläßt im Jahr etwa zehn bis zwanzig ausgebildete Schauspieler. Dabei liegt der Bedarf an Nachwuchskräften – so Martin Heß von der Zentrale Bühnen-, Fernsehen- und Filmvermittlung (ZBF) in Frankfurt – etwa bei 100 bis 130 jungen Debütanten und Debütantinnen. Auf den ersten Blick also ein fast ideales Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Doch auch die Privatlehrer entlassen schätzungsweise 500 bis 600 Absolventen ins Berufsleben. Gerade aus ihnen rekrutiert sich das große Heer der arbeitslosen Mimen. Sie sind dazu verdammt, jahrelang immer wieder. an Theatern vorzusprechen. Im übrigen leben sie von der Hoffnung, daß der Spielleiter oder Oberspielleiter, der Dramaturg, möglichst der Regisseur oder gar der Intendant ein Auge auf sie wirft. Denn nur so kann die in der Phantasie vorprogrammierte steile Karriere beginnen.

Doch bei den meisten unerfüllten Schauspielhoffnungen ist schon die Einstellung zum Beruf und seinen Möglichkeiten irrational. So wollen Anfänger vielfach nicht an kleine Theater gehen, wo die Chance eines Engagements vielleicht großer wäre. Sie ziehen es oft vor, „an den großen Theatern herumzukrebsen“, wie es ein Regieassistent der Städtischen Bühnen Frankfurt formulierte.