Von Jürgen Dahl

Wenn im Rhein oder in einem anderen Abwasserkanal der Industrie die Fische sterben, dann steht das immerhin in der Zeitung. Weniger spektakuläre Folgen der Vergiftung unserer Flüsse können mit solcher Aufmerksamkeit nicht rechnen, ja, es kann sogar einige Zeit dauern, ehe man sie überhaupt bemerkt.

Eben dies widerfuhr der kleinen Wasserschnecke Theodoxus fluviatilis, die irgendwann im Laufe der letzten Jahre in aller Stille ausgestorben ist. Bei einer Bestandsaufnahme der Molluskenfauna des Rheins im Jahre 1961 war Theodoxus fluviatilis noch an vielen Stellen anzutreffen und zählte zu den charakteristischen „Einwohnern“ dieses Flusses; heute ist sie nicht mehr vorhanden. Das ergab eine neue Bestandsaufnahme der Schneckenfauna zwischen Straßburg und Koblenz, die Professor Kinzelbach mit einer „Arbeitsgemeinschaft Umwelt“ am Zoologischen Institut der Universität Mainz vornahm und deren Ergebnisse soeben veröffentlicht wurden. Nur noch ein letzter Hinweis fand sich an einer Stelle, an der die Strömung ständig Schneckengehäuse zusammenspült: Hier lagen in auffällig großer Anzahl leere Schalen von Theodoxus, was Kinzelbach als ein Zeichen dafür ansieht, daß die Art im Jahre 1970 oder 1971 einem Massensterben zum Opfer gefallen ist.

Der Grund dafür ist nicht die chemische Verunreinigung des Rheins, mit der die Schnecke noch ganz gut fertig geworden war, sondern die rapide Verminderung des Sauerstoffgehalts: 1961 enthielt das Rheinwasser an keiner Stelle des Untersuchungsgebietes weniger als 2,5 Milligramm Sauerstoff je Liter, sondern im Durchschnitt 6 bis 9 Milligramm. Bis 1971 aber sank der Sauerstoffgehalt auf Werte unter 1 Milligramm je Liter – für Theodoxus fluviatilis war das zu wenig, sie ist regelrecht „erstickt“.

Nun passieren im Rhein noch ganz andere Dinge und man könnte deshalb der Meinung sein, daß das Aussterben einer einzelnen Schneckenart keine Katastrophe darstellt. Doch ist Theodoxus nicht das erste Opfer: Von den zehn Schneckenarten, die im Jahre 1917 im Rhein gezählt wurden, fanden sich 1971 nur noch vier in lebenden Exemplaren vor. Das Aussterben von Theodoxus ist also nur ein Einzelereignis innerhalb eines schon länger währenden Verödungsvorganges, und in diesem Zusammenhang bedeutet es einen Schritt auf dem Weg zum biologischen Tod des Flusses.

Ein anderes Beispiel aus Kinzelbachs Untersuchung illustriert diesen Vorgang sehr eindrucksvoll: Auf einer bestimmten Buhne im Rhein zählte Kinzelbach im Herbst 1961 sieben verschiedene Schnecken und Muschelarten, genau zehn Jahre später an der gleichen Stelle nur noch vier, von denen drei Arten nur in ganz wenigen Exemplaren vorkamen. Während also früher die Buhne von vielen Arten in jeweils beträchtlicher Individuenzahl bewohnt gewesen war, gedieh dort jetzt nur noch eine einzige Art – diese allerdings in besonders großer Individuenzahl. Früher waren die Steine mit Grünalgen bedeckt, einer idealen Schneckenweide, heute gibt es dort fast nur noch Blaualgen, Bakterien und Pilze, ein Nahrungsangebot, mit dem nur noch wenige Spezialisten unter den Schnecken etwas anfangen können.

An diesem Beispiel wird deutlich, daß die Verödung innerhalb eines biologischen Systems etwas ganz ähnliches bedeutet wie die Monokultur auf dem Gebiet der Landwirtschaft: das Vorherrschen einer oder einiger weniger Arten. Während dieser Zustand in der Monokultur aus Gründen der Ertragssteigerung bewußt geschaffen wird, stellt er sich bei der Verödung dadurch ein, daß unter extremen Lebensbedingungen (Verschmutzung oder Überangebot bestimmter Stoffe) viele Arten nicht mehr existieren können und andere besonders begünstigt werden. Das hat aber auch die gleichen Nachteile zur Folge wie die, mit denen die Monokultur zu kämpfen hat. Ein derart reduziertes System ist besonders empfindlich gegenüber Veränderungen der Umwelt, gegenüber Krankheiten und Feinden; in solchen Fällen stehen keine biologischen „Stellvertreter“ mehr zur Verfügung. Je artenärmer ein ökologisches System ist, desto leichter kann es zusammenbrechen. Eine kontinuierliche Verminderung der Artenzahl, wie sie im Rhein stattfindet, ist demnach nichts anderes als die langsame Vorbereitung einer Katastrophe – und insofern ist es keineswegs gleichgültig, ob es im Rhein heute ein paar Schneckenarten weniger gibt als vor zehn oder gar von fünfzig Jahren.