Von Ulrich Kaiser

Aachen, in der Vergangenheit die Stadt geschichtsbuchmäßig erfaßter Friedensschlüsse, Sitz des großen Karls, vergibt heute nicht nur den Karlspreis, sondern auch den Orden wider den tierischen Ernst. Falls es einen Orden für den tierischen Ernst geben würde – man hätte ihn jetzt an ein Dutzend Bewerber vergeben können, die sich bei den jährlich in der Soers stattfindenden Reitertagen geradezu aufdrängten. Das bedeutendste Rösser-Festival der Bundesrepublik erlebte nicht nur einfach die Show der Jump-, Hufschlag- und Kutschierartisten, sondern das, was in diesen prae-olympischen Wochen ganz schlicht als Olympiaqualifikation bezeichnet wird. Das allerdings, was bei Läufern, Schwimmern, Schützen, Boxern oder Turnern relativ einfach zu bewerkstelligen ist (wer gewinnt, bekommt sein Zimmer im olympischen Millionendorf), bringt bei Reitersleuten unendliche Schwierigkeiten: der Sandsack des Boxers oder das Reitpferd des Turners läßt sich ersetzen, wenn’s kaputtgeht – das Pferd, von dem sogar renommierte Reiter behaupten, es sei „dämlich“, besitzt Muskeln, Sehnen, Kreislauf oder Lungenkapazität, womit es sich von „Sportgeräten“ anderer Art unterscheidet.

Qualifikationen sind eine schöne, faire, sportliche Angelegenheit. Der demokratische Vorteil, Roß und Reiter auf unanfechtbare Weise zu nominieren, wird nicht selten durch die Tatsache widerlegt, daß Form und Gesundheit der vierbeinigen Untersätze dabei auf der Strecke bleiben. Im Gefolge davon sind – gelinde gesagt – Unstimmigkeiten im Reitervolk, die den Ruf vornehmer Zurückhaltung und exklusiver Noblesse, den man gar nicht so ungern für sich in Anspruch nimmt, außerordentlich stark widerlegen. Zu gut deutsch: Beim Aachener CHIO 1972 wurde sehr gut geritten und sehr schlecht gestritten, auf dem Parcours gab’s meist guten Stil, in Diskussionen meistens schlechten. Wer mag, kann das dem Reitervolk als Progressivität auslegen. Man kann sicher sein, daß solches spätestens in vier Jahren wieder geschieht, wenn man sich für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal zu qualifizieren gedenkt.

Um in der Reihenfolge der Stärke der Auseinandersetzungen vorzugehen, könnte man zunächst die Militaryreiter erwähnen, die in Aachen nur zuschauten. Hier gab es die harten Briefe und Gespräche schon vor mehreren Wochen. Der 50jährige Klaus Wagner, Teilnehmer bereits an vier Olympischen Spielen, zweifelte lautstark an den Methoden, die zur Ausscheidung führen sollten. Während man ihm zunächst mit Recht bedeutete, er solle nicht reden, sondern reiten, gab es Sorgenfalten, als Wagner in Luhmühlen auf den „Bock“ stieg und nach einem hervorragenden zweiten Platz sagen konnte: „Na siehste ...“

Ein wenig, delikater war dann schon die Sache mit den Dressurreitern, wo sich die beiden sicheren Aspiranten auf einen Platz der Olympiamannschaft, der Frankfurter Versandhauskönig und Sporthilfe-Vorsitzender Dr. h. c. Josef Neckermann und die Frankfurter Tachometer-Imperiums-Besitzerin Liselott Linsenhoff, im vergangenen Jahr nicht gerade in olympisch-freundschaftlicher Weise verbunden fühlten. Inzwischen hat man sich wohl arrangiert – auch aus der Erkenntnis heraus, daß man ja bei diesem künstlichen Zusammenzähl-Mannschaftswettbewerb nicht hautnah miteinander auf einem Pferd anzutreten hat. Liselott Linsenhoff mit ihrem Hengst Piaff verzichtete auf Aachen, weil sie als Weltmeisterin ohnehin fest nominiert war. Neckermann zeigte die zuverlässige Venetia vor und siegte recht klar, wobei er immer noch den sensibleren Wallach van Eide zur Verfügung hat.

Soweit gab’s bei der Dressur nichts Neues. Lediglich um den dritten Teamplatz wurde geritten, den man allgemein dem Juristen Dr. Reiner Klimke mit Mehmed zugestand. Klimke galt – routinierter (nach dreimaliger Olympiateilnahme) als die Hamburgerin Karin Schlüter mit Liostro, die allerdings wiederum in den Ausscheidungen meist vor Klimke endete. Gegen die Dame und ihr Roß sprach allerdings die weitverbreitete Ansicht, sie könnten nur . hervorragende Leistungen erzielen, wenn Liostro vor dem Start vom Bereiter des Stalles Schlüter gearbeitet werde, was bei olympischen Prüfungen nicht zulässig ist. Wie gesagt: man befleißigte sich bei den Dressurreitern noch leiser Töne, obgleich ein leises Knurren in Richtung der offiziellen Oberen unüberhörbar war.

Keine Rede durfte indessen bei den Springreitern von „leisen Tönen“ sein – hier wurde wochenlang spektakelt, daß man meinen konnte: sie prügeln sich insgeheim in den dunklen Stallgängen. Ganz so schlimm war’s noch nicht. Wenn es allerdings möglich wäre, sich mittels Worten blaue Augen zu schlagen – sie wären allesamt mit dunklen Brillen herumgelaufen wie sie Boxer nach unglücklich verlaufenen Auseinandersetzungen bevorzugen.