Rheinstahl-Chef Toni Schmücker nahm bei der Vorlage der Jahresbilanz 1971 eine Anleihe beim englischen Premierminister Winston Churchill auf, der bei Kriegsbeginn seinem Volk Blut, Schweiß und Tränen prophezeit hatte: „Es ist ein schwerer und blutiger Weg bis zur Rheinstahl-Sanierung, nicht nur für die betroffenen Mitarbeiter, sondern auch für die Aktionäre.“

Während für viele Mitarbeiter der Arbeitsplatz bei Rheinstahl unsicher ist, müssen die Rheinstahl-Aktionäre, die gerade – nach zwei dividendenlosen Jahren – erst seit 1969 die magere Ausschüttung von sechs und fünf Prozent kassieren konnten, für 1971 wieder auf eine Dividende verzichten. Auch für 1972 können sie kaum mit einem Gewinn rechnen, denn bisher arbeitet der Konzern, der 1971 bei 5,7 Milliarden Mark Umsatz noch einen kleinen Gewinn von 2,4 Millionen Mark echt verdiente, in „rosaroten“ Zahlen. Toni Schmücker gab offen zu, daß Rheinstahl nach dem Substanzverzehr der früheren Jahre noch immer sehr verwundbar ist.

Doch der Vorstand ist fest entschlossen, den Konzern auch mit harten Maßnahmen zu sanieren. Schon 1971 wurde die Belegschaft um 5,9 Prozent auf 66 900 Mitarbeiter reduziert. Durch die Konzentration in Kassel von drei auf zwei Henschel werke werden in diesem Jahr noch einmal Mitarbeiter entlassen werden müssen. Auch bei Hanomag in Hannover, deren Belegschaft zum Teil durch Übernahme, zum Teil durch Entlassungen von 12 000 auf 4800 reduziert wurde, sollen noch einmal 850 Angestellte entlassen werden.

Hoffnungen, daß Rheinstahl nach der positiven Entwicklung in den beiden vorangegangenen Jahren sich bald wieder als vollkommen normaler Konzern präsentieren könnte, zerstörte Toni Schmücker selbst: „Die Rekonvaleszenz kann durch die Konjunkturprobleme verlängert, wenn auch nicht aufgehalten werden.“ m. h.